•18. Dezember 2025 •
Vielleicht eine der ehrlichsten Fragen überhaupt. Gestern hatte ich zumindest kurz das Gefühl. Ich war beim quartalsmässigrn Check beim Psychiater, und wir hatten den wunden Punkt meines Seins im Gespräch.
Ich bin danach, wieder im Schutz der Dunkelheit, en femme am Ufer gelaufen. Nicht weit, aber es hat sich frei gefühlt. dazu etliche Gedanken über sich selbst sein und Freiheit, gestern und heute.
Ich fasse es so: Ein Mensch ist wahrhaft frei, wenn …
… er sich selbst nicht mehr verleugnen muss.
Wenn Denken, Fühlen und Handeln nicht dauerhaft auseinanderfallen.
Wenn er nicht ständig eine Rolle spielt, um akzeptiert zu werden.
Wenn er als Mann auch mal Rock oder Kleid tragen kann, weil es sich gut anfühlt.
… er nicht aus Angst lebt.
Nicht aus Angst vor Ablehnung, Einsamkeit, Strafe, Verlust.
Angst bindet stärker als jedes äußere Gefängnis.
… seine Entscheidungen aus innerer Überzeugung kommen,
nicht aus Zwang, Anpassung oder alter Prägung.
Auch dann, wenn diese Entscheidungen unbequem sind.
… er Verantwortung übernimmt, statt sich zu verstecken.
Paradox, aber wahr:
Wer Verantwortung trägt, wird innerlich freier,
weil er nicht mehr Opfer der Umstände bleibt.
… er seine Verletzungen kennt, ohne von ihnen gesteuert zu werden.
Vergangenheit verliert Macht,
wenn sie gesehen und benannt ist.
Und vielleicht am radikalsten:
Ein Mensch ist frei, wenn er nicht mehr beweisen muss, dass er wertvoll ist.
Wenn sein Dasein reicht.
Wenn er sagen kann: „Ich bin – und das genügt.“
Viele Philosophen, Mystiker und auch moderne Psychologen kommen an denselben Punkt: was ist Freiheit?
Freiheit ist kein Zustand der Welt –
sie ist ein Zustand des Inneren.
Man kann äußerlich eingeschränkt sein und innerlich frei.
Und äußerlich alles besitzen – und innerlich gefangen.
Zitate dazu, aus mehreren Blickwinkeln
Existentiell
Jean-Paul Sartre
„Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.“
→ Du kannst dich nicht nicht entscheiden. Auch Nicht-Handeln ist Wahl.
Albert Camus
„Der einzige wirklich ernste philosophische Problem ist der Selbstmord.“
→ Freiheit beginnt dort, wo man sich dem Leben trotz Absurdität stellt.
Søren Kierkegaard
„Angst ist der Schwindel der Freiheit.“
→ Freiheit fühlt sich oft nicht gut an. Sie macht schwindelig.
Psychologisch
Carl Gustav Jung
„Ich bin nicht das, was mir passiert ist, ich bin das, was ich entscheide zu werden.“
Erich Fromm
„Die meisten Menschen fürchten die Freiheit, weil sie Verantwortung bedeutet.“
Viktor E. Frankl
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit.“
Sozial / Beziehung
Simone de Beauvoir
„Freiheit ist nichts, was man besitzt – sie ist etwas, das man ausübt.“
Rainer Maria Rilke
„Die Aufgabe der Liebe ist es, zwei Einsamkeiten zu schützen, zu berühren und zu grüßen.“
→ Freiheit in Beziehung heißt: sich nicht zu verschlingen.
Martin Buber
„Der Mensch wird am Du zum Ich.“
→ Freiheit zeigt sich erst im Gegenüber.
Moralisch / Verantwortung
Viktor Frankl
„Freiheit ist nur ein Teil der Geschichte. Freiheit ist nur die negative Seite des Ganzen, dessen positive Seite Verantwortung heißt.“
Immanuel Kant
„Freiheit ist Unabhängigkeit von der Willkür eines anderen.“
Hannah Arendt
„Freiheit ist die Fähigkeit, einen Anfang zu machen.“
Spirituell / Innerlich
Meister Eckhart
„Solange der Mensch etwas will, ist er nicht frei.“
Buddha (zugeschrieben)
„Anhaftung ist die Wurzel des Leidens.“
Jesus (Johannes 8,32)
„Die Wahrheit wird euch frei machen.“
→ Nicht Trost macht frei, sondern Wahrheit.
Radikal persönlich
Friedrich Nietzsche
„Werde, der du bist.“
Fernando Pessoa
„Frei sein heißt, nichts erwarten.“
James Baldwin
„Nicht alles, was man erträgt, kann verändert werden. Aber nichts kann verändert werden, was man nicht erträgt.“
Dazu noch ein Dialog, fiktiv, zu zweien der obigen zitategebetn:
Camus:
Die Welt gibt keine Antwort.
Je eher wir das akzeptieren, desto ehrlicher leben wir.
Rilke:
Vielleicht gibt sie keine Antworten,
weil sie will, dass wir die Fragen bewohnen.
Camus:
Fragen ohne Antwort sind ein Abgrund.
Der Mensch muss klar sehen, sonst flieht er.
Rilke:
Oder er lernt stehen zu bleiben,
ohne sofort ein Geländer zu verlangen.
Camus:
Ich traue dem Trost nicht.
Er macht gefügig.
Ich will den Menschen wach.
Rilke:
Und ich traue der Härte nicht,
wenn sie sich nicht berühren lässt.
Wachsein braucht auch Zärtlichkeit.
Camus:
Was bleibt, wenn aller Sinn zerfällt?
Rilke:
Das Erleben selbst.
Das Atmen.
Das Durchhalten der Nacht.
Camus:
Ich nenne das Auflehnung.
Rilke:
Ich nenne es Zustimmung.
Camus:
Wir meinen dasselbe –
aber du gehst langsamer.
Rilke:
Und du gehst ohne Rast.
Camus:
Der Mensch ist frei,
wenn er die Absurdität erkennt
und trotzdem lebt.
Rilke:
Der Mensch ist frei,
wenn er nichts überspringt –
nicht einmal den Schmerz.
Camus:
Also keine Flucht?
Rilke:
Keine.
Weder nach vorn noch nach oben.
Camus:
Dann bleibt nur dies:
Bleiben.
Ohne Lüge.
Rilke:
Und wachsen,
während man bleibt.
Beide:
Vielleicht ist Freiheit
nicht die Lösung –
sondern die Treue zum eigenen Erleben.
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