Auf wohl keine Staffel einer Serie war ich in meinem Leben wohl so gespannt wie auf die erste der Spin-Off-Serie zum Epos „Game of Thrones“, welche den Namen „House of the Dragon“ trägt und sich mit dem Tanz der Drachen, dem großen Bürgerkrieg auf Westeros, beschäftigt. Wobei: Noch unerträglicher war das Warten auf die 8. Staffel von der Mutterserie. Und noch desillusionierter schaute ich drein, als Arya den Nightking und den damit besten sowie mysteriösesten Feind in der Geschichte der Filmwelt abfrühstückte und Daenerys‘ Persönlichkeit eine 180°-Wende binnen einer Episode erfuhr. Nun gibt es also eine Spin-Off-Serie und die erste Episode ist erschienen. Und eines kann ich vorab festhalten: Ich bin absolut begeistert und will mehr!
Epischer Auftakt in Harrenhal
Wie grandios sieht denn bitte Harrenhal aus? Bombastisch. Für alle GoT-Nerds ein Gänsehautmoment. Nie dagewesene Settings lassen die Herzen von Fans schneller schlagen. Bei so einem gewaltigen Budget pro Folge war davon auszugehen, aber dass die Ruinen von Harrenhal mich derart packen würden, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ein Prolog, der direkt ansagte: Das, was hier gezeigt wird, ist qualitativ auf höchstem Niveau. Viserys wird bei einer Sitzung des „Großen Rates“, eine Versammlung tausender Lords aus dem gesamten Reich, der äußerst selten einberufen wird, zum Nachfolger von Jaeherys I. gewählt. Die Szene ist insofern von Bedeutung, dass wichtige Figuren, die eine große Rolle spielen könnten, eingeführt werden, unter anderem Rhaenys, Cousine von Viserys und nicht gewählte Kandidatin für den Eisernen Thron. Musikalisch werden sanft bekannte Melodien wie das Main-Theme von „Game of Thrones“ neu variiert angespielt. Das Wappen der Targaryiens erscheint (hoffentlich ab Episode 2 mit Intro) und durch eingeblendeten Text erfährt man, dass die Handlung nun im neunten Regierungsjahr Viserys I. spielt.
Rhaenyras beeindruckender Auftritt
Auf dem Rücken ihres Drachen Syrax fliegt Rhaenyra, erstgeborene Tochter des Königs, über Königsmund und landet in einer Gruft, in der scheinbar die Drachen geparkt werden. Das altbekannte Daenerys- bzw. Targaryen-Thema erklingt in voller Montur und erneut stehen alle Haare zu Berge. Königsmund sieht faszinierend schön aus, wofür gigantische Kamerafahrten sowie Aufnahmen aus der Vogelperspektive sorgen. Die Prinzessin macht einen mutigen ersten Eindruck und wird mit einer Kutsche zum Roten Bergfried gebracht. Letzterer ist im Gegensatz zur Mutterserie ausgestalteter; erstmals kann der Zuschauer die Größe des Hofes wahrnehmen ebenso wie die gewaltigen Räumlichkeiten und das enorme Ausmaß des Bergfrieds. Rhaenyra spaziert Hand in Hand mit Alicent Hohenturm durch die Feste. Ihre Beziehung ist goldig, weshalb es mir umso mehr vor ihrer gemeinsamen Zukunft graut. Des Weiteren erfährt man, dass sie als Mundschenk ihres Vaters fungiert. Die Beziehung zwischen den beiden wirkt auf dem ersten Eindruck harmonisch und Viserys scheint ein guter König zu sein, zumindest nimmt er an den Sitzungen des Kleinen Rates teil. In jenem wird unter anderem besprochen, dass Viserys Frau Aemma bald ein Kind erwartet. Der König geht davon aus, dass er einen männlichen Erben erhalten wird, worüber Rhaenyra sichtbar unerfreut zu sein scheint. Ebenso wird erstmals der jüngere Bruder des Königs Daemon erwähnt. Sein Nichterscheinen bei der Ratssitzung sowie Anmerkungen der anderen Ratsteilnehmer hinterlassen direkt einen ersten Eindruck eines möglichen unpässlichen Charakters. In der darauffolgenden Szene bestätigt sich diese Annahme. Daemon sitzt auf dem Eisernen Thron, dessen Platz lediglich dem König vorbehalten ist und welcher nun viel mehr den Vorstellungen George R. R. Martins entspricht. Daemon betont immer wieder, dass bislang er der Erbe seines Bruders sei. Böse Vorahnungen werden generiert.
Bei der Geburt eines Targaryens werfen die Götter eine Münze
Diese bekannte Phrase kann wohl kaum deutlicher gezeigt werden als bei Daemon und Viserys. Der eine führt sorgenvolle und sensible Gespräche mit seiner schwangeren Frau, der andere „säubert“ Königsmund von Verbrechern und führt bei Folterungen und Hinrichtungen gerne selbst das Schwert. Im Kleinen Rat wird Daemon zur Rede gestellt, wobei sein provokanter und anstößiger Charakter durchscheint. Interessant ist hierbei das Verhalten von Lord Corlys, Mann von Rhaenys, der sich für Daemons Taten ausspricht. Die Dialoge wirken wieder authentisch, Figuren sind interessant gestaltet und mögliche Konfliktsituationen bahnen sich an: Dinge, die wir alle in Staffel 8 von „Game of Thrones“ vermisst haben. Auch beim Turnier zur Feier des kommenden Erben von Viserys zeigt sich Daemon von seiner listigen und brutalen Seite. Im Tjost wendet er tückische Tricks an, indem er nicht den Ritter vom Pferd stößt, sondern das Reittier selbst zu Fall bringt. Verliert er, so zückt er das Schwert und fordert seinen Bezwinger zum Kampf heraus. Provokant ist die Tatsache, dass er den ältesten Sohn der ihm gegenüber abgeneigten Hand des Königs Otto Hohenturm bezwingt und anschließend die Gunst von dessen Tochter für seinen Sieg erbittet. Eine Prophezeiung? Alles in allem sieht das Turnier äußerst wertig aus: Genau so stelle ich mir Turniere vor, wie sie vor hunderten Jahren stattfanden. Währenddessen erfüllt sich Aemmas selbst vorhergesagtes Schicksal: Das Schlachtfeld der Frauen ist das Kindbett. In einer wahnsinnig brutalen, spannenden Szene wird das Kind auf unnatürlichem Wege herausgeholt, wobei Aemma verblutet. Ihre Schmerzen und Gefühle sind grausam authentisch und in Anbetracht der echten Liebe zwischen ihr und dem Herrscher wird in einer nur kurzen Sequenz sehr viel Spannung aufgebaut.
Ein großer Konflikt bahnt sich an
Der Sohn von Viserys klingt alles andere als gesund und stirbt kurz nach seiner Geburt. Wieder steht der König ohne männlichen Erben da. Ein Konflikt zwischen Daemon und Rhaenyra wird angeteasert. Ein Ritter aus Dorne schlug Daemon im Zweikampf und erhielt für seinen Sieg die Gunst der Prinzessin. Die Frage nach der Nachfolge wird unmittelbar nach der Bestattung von Aemon und Baelon im Kleinen Rat angesprochen. Interessanterweise spricht sich Lord Corlys auch hier für Daemon Targaryen aus. Doch auch Rhaenyra wird als mögliche Anwärterin erwähnt. Doch Viserys ist es leid, während seiner Trauer über die Nachfolge nachzudenken. Er verlässt die Ratssitzung. Interessanterweise bittet Otto Hohenturm Alicent darum, Viserys „Trost zu spenden“. Ich bin sehr gespannt, was es damit auf sich haben wird. Die Lage um die Nachfolgefrage spitzt sich zu, als Daemon in einem Freudenhaus eine Spottrede auf den verstorbenen Sohn des Königs hielt. Viserys, der den Platz seines Bruder im Kleinen Rat bislang verteidigt hatte, ist außer sich und befiehlt, dass Daemon Königsmund verlässt. Daraufhin schneidet sich Viserys erneut am Eisernen Thron. In der Welt von Eis und Feuer geschieht nichts zufällig, was die Frage aufkommen lässt, ob dieser Schnitt Konsequenzen haben wird. Und wie wir alle Wissen, kann eine kleine Wunde viel Schaden anrichten (#Khal Drogo). Daran anschließend sucht Viserys ein Gespräch mit Rhaenyra und erklärt sie zu seiner Nachfolgerin. In einer Parallelmontage werden die Lords von Westeros gezeigt, wie sie Rhaenyra ihre Treue aussprechen. Zeitgleich spricht der amtierende Herrscher mit seiner Tochter und warnt sie vor ihren bevorstehenden Aufgaben und den dahinter steckenden Gefahren. Des Weiteren erzählt Viserys von Aegons Vision, die Welt werde in einem gefährlichen Winter untergehen. Jener Traum heiße „Das Lied von Eis und Feuer“ und sei ein Geheimnis der Herrschenden. Wenn der Untergang komme, müsse ein oder eine Targaryen auf dem Eisernen Thron sitzen. Die Folge endet mit der offiziellen Ernennung Rhaenyras zur Erbin des Eisernen Throns. Die Szene ist musikalisch grandios untermalt und schließt mit einer Nahaufnahme der Prinzessin. Gänsehaut pur.
Alles in allem bin ich fasziniert und wahnsinnig gespannt. Das einzige, was mir spontan an Kritik einfallen würde, ist die hohe Schnittfrequenz, doch in irgendeinem Punkt sollte sich „House of the Dragon“ von seiner Mutterserie abheben. Die Darsteller sind grandios. Die Settings sind gigantisch. Die Kameraarbeit ist fantastisch. Die Handlung ist spannend. „House of the Dragon“ wird ein Hit.