• Herzlich Willkommen…

    2017-04-16_Steinau02 … im vorläufig virtuellen Literaturcafé Alte Apotheke in Steinau an der Straße. Im ersten Beitrag will ich das Projekt vorstellen und neugierig machen auf die Reise, die uns jetzt bevorsteht.

    Wir haben die Alte Apotheke, ein Gebäude von 1680, das seit Beginn auch als Apotheke gedient hat, im März 2013 erworben mit dem Ziel, sie denkmalgerecht zu sanieren und in ein Literaturcafé zu verwandeln, mit gemütlichen Räumen zum Sitzen und Plaudern, Kaffeetrinken und Kuchen essen; mit einem großzügigen Lesungsraum und einem weiteren Veranstaltungsraum. Apotheke Fassade 2013

    Das Projekt war von Beginn an zweistufig geplant als Renovierung und Eröffnung. Stufe eins ist nun abgeschlossen und wir bereiten uns intensiv auf Stufe zwei vor. Bis dahin will ich mit diesem Blog zurückblicken und all die kleinen und großen Abenteuer aufleben lassen, die uns unterwegs begegnet sind. Die Menschen, die wir getroffen haben, die Schwierigkeiten und Erfolge beim Umbau, die Ideen zur Gestaltung der Räume, aber auch die Dekorations- und Einrichtungsgegenstände, die wir auf den verschiedensten Flohmärkten und in Antikläden im Raum Spessart und Umgebung gefunden haben. Dazu immer wieder Bücher, die mich auf dem Weg begleitet haben, Gründe für die Idee und die Gestaltung.

    Ich wünsche allen Besuchern so viel Spaß beim Lesen, wie ich beim Schreiben und Zurückblicken habe. Einen Blog betreibe ich zum ersten Mal und muss noch viel lernen.

  • Schnappschuss

    Unser Besuch im Mauritshuis war natürlich nicht nur Vermeers wegen ein unvergessliches Erlebnis: so viele niederländische alte Meister sind dort ausgestellt! Es gibt viel zu entdecken, zu vergleichen, Epochen und Stile zu analysieren, Rembrandt, Rubens, Brueghel und viele andere… Aber ein kleines Gemälde, das ein bisschen stiefmütterlich neben einem Durchgang hängt, hat es mir besonders angetan:

    Der Text daneben ist ein bisschen schwer zu entziffern, daher hier kurz zusammengefasst: Johan Maurits, der das Gebäude im 17. Jahrhundert errichten ließ und über den sich noch viel mehr schreiben ließe, aber da weiß Wikipedia Rat, verstarb 1679; danach wurde das Haus unterschiedlich genutzt und dient seit 1822 als Museum. Der damalige König Willem I. (1772 – 1843) hatte maßgeblichen Einfluss auf die Kaufentscheidungen für die Sammlung und bestimmte unter anderem, dass Rembrandts „Anatomie des Dr. Tulp“ im Rembrandtzimmer zu hängen habe. 1884 entstand dieser „Schnappschuss“ des Malers Antoon François Heijligers (der mir weiter nicht bekannt ist), dem die damalige Hängung zu entnehmen ist, und was soll man sagen: die „Anatomie“ hängt noch immer im selben Raum.

    Ich liebe die Vorstellung, dass der Maler vor 140 Jahren in diesem Raum saß und die Bilder abgemalt hat, die wir heute noch dort sehen können! Im Nachhinein tut es mir in der Seele leid, dass ich nicht noch einmal hinübergegangen bin und nachgesehen habe, ob auch die anderen Gemälde noch am selben Platz hängen, aber in jedem Fall ist die „Anatomie“ noch da, und das ist doch wirklich einen Blogeintrag wert. Wie einfach ist es für uns heute, einen solchen Beweis abzuliefern: einmal auf den Auslöser der Kamera oder des Mobiltelefons gedrückt, schon wissen die Nachgeborenen Bescheid, aber das hier? Ein gemalter Schnappschuss für die Ewigkeit!

    Nachfolgend eine kleine Galerie von Gemälden, die es mir außerdem noch wert waren, sie in digitaler Form mit nach Hause zu nehmen. Und falls jemand meinen Blog zum Anlass nimmt, das Mauritshuis zu besuchen: ich würde mich über einen Schnappschuss aus dem Rembrandtzimmer freuen!

  • Die echte Ansicht von Delft

    In der ersten Woche des neuen Jahres haben wir eine kleine Bildungsreise gemacht und sind auf den Spuren Jan Vermeers gewandelt, um seine Welt wie auch das Original unseres Nachdrucks zu entdecken.

    Um es kurz zu machen: ein überwältigender Moment, im an diesem eher trüben, kalten Januartag nur vergleichsweise spärlich besuchten Mauritshuis in Den Haag vor dem Gemälde zu stehen und es in allen Details studieren zu können, wie seinerzeit Bergotte im Roman von Marcel Proust. Hilfreich war das am Tag zuvor im Vermeer-Museum in Delft erworbene Wissen über Vermeers besondere Kunst, das Licht einzufangen und wiederzugeben. Die kleine weißen Tupfer wirken aus der Ferne wie Leuchtpunkte, die das Sonnenlicht spiegeln. All das kommt natürlich in der gedruckten Kopie überhaupt nicht zum Ausdruck.

    Dennoch lieben wir unser „schönstes Gemälde der Welt“ und es haben schon zahlreiche Gäste darunter gesessen, sich fotografieren lassen, uns dazu befragt, es bestaunt und bewundert. Nicht zuletzt repräsentiert es uns ja auch in den „111 Orten an Main und Kinzig, die man gesehen haben muss“ von Tim Frühling; das leicht unscharfe Selfie hier rechts beweist es. Vergangenes Jahr war die große Vermeer-Ausstellung in Amsterdam, zu der zwei Gäste aus Holland mich am liebsten mitgenommen hätten – sie hatten sogar eine Eintrittskarte übrig – aber natürlich war das zeitlich überhaupt nicht zu machen.

    Im Mauritshuis hängt auch das „Mädchen mit dem Perlenohrring“, vor dem sich ehrfürchtig die Besucher versammelten wie vor der Mona Lisa im Louvre, und zweifellos ist das Bild etwas ganz Besonderes; trotzdem würde ich nicht tauschen wollen. In Delft steht eine Informationstafel an der Stelle des Südhafens, von der aus Vermeer die „Ansicht“ vermutlich gemalt hat; heute ist außer dem Turm der Nieuwe Kerk und der Gracht im Vordergrund, die in die Stadt hineinführt, nichts mehr davon zu erkennen.

  • L’Été de 2022

    … c’était l’été des rencontres extraordinaires, dont une celle avec Mme A. de Lille, qui visitait notre café en juillet avec son frère.

    Bien sûr, on parlait de Marcel Proust, des Madeleines, de la peinture de Vermeer qui se trouve dans notre salon. Mme A. travaille à la bibliothèque de Lille, et Proust, c’est le mémoire de sa jeunesse.

    Quelques semaines après cette visite remarquable, elle m’envoyait un e-mail, me demandant un petit texte concernant mon addiction à Proust et la Recherche, qui sera publié sur le site de la bibliothèque en Novembre, marquant le centenaire du mort du maître.

    Oh làlà, quel défi ! Mais comme c’est ma passion, maîtriser les défis, j’ai répondu, et voilà, le texte était accepté et va paraître sur le site. J’attends ! Et je vais donner un rapport ici !

    Und es gab zahlreiche andere solcher Episoden; dieser Sommer war wirklich geprägt von Besuchen, die den Begriff „Begegnungsstätte“ in ganz neuem Licht erscheinen lassen. So gerne denke ich an den Herrn aus Dresden, der sich auf der Durchreise befand und von einem Café erzählte, das er selbst einmal betrieben hat – bis Corona kam – und das eine andere Besucherin, die zufällig am Nachbartisch saß, bei einer Radtour kennengelernt hatte. Diese Art von Plaudereien bringt mich immer wieder ans Limit, denn man fragt sich doch, wie kommt sowas?

    Merci, Mme A., de votre visite, et à la prochaine !

  • Codewort: Gorgonzolasandwich

    Mit Herrn G. aus B. eint mich die Leidenschaft für große Literatur und ein ausgeprägter Sinn für literarische Knobeleien. So verwundert es nicht, dass ich vor einigen Wochen auf die Frage eines einzelnen Herrn, der etwas verloren durch unsere Räume wanderte und den ich nach seinem Kuchenwunsch befragte, laut herauslachte und sofort wusste, wer uns da besuchen kam:

    „Ich hatte mich gefragt, ob Sie mir wohl ein Gorgonzolasandwich servieren könnten?“

    Die Korrespondenz mit Herrn G. reicht zurück in die Zeit des ersten Lockdown, als ich mein Corona-Tagebuch zu führen begann und zeitgleich ein kulturell interessierter, daneben mit einer Leidenschaft für gutes Schreibwerkzeug – egal, ob Füller und Tinte oder Schreibmaschine und Farbband – ausgestatteter, überaus freundlicher, eloquenter und belesener Herr G. aus B. seine Recherchen bezüglich der Alten Apotheke wieder aufnahm. Er schrieb mir eine erste Mail, der viele andere, vor allem aber zahllose handschriftlich verfasste Briefe und Episteln folgten, denn er hatte meinen Blog entdeckt und hoffte, über mich mehr über die Familie seiner Großmutter zu erfahren (Details finden sich hier).

    Mittlerweile dehnt sich unsere Brieffreundschaft aus auf Bücher, Autoren, Malerei und Kunst aller Art, Corona wird nicht ausgelassen, eben alles, was einen so bewegt im Alltag, bei der Lektüre der Morgenzeitung oder beim Spaziergang in der Natur. Was noch fehlte, war die persönliche Begegnung. Herr G. war mir da natürlich um Längen voraus, denn von mir gibt es zahlreiche Fotos im Netz, nicht zuletzt hier in meinem Blog. Von ihm hatte ich eine unbestimmte Vorstellung, weil er mir zu Beginn der Maskenpflicht (seinerzeit mit noch frei wählbarer Form) ein Foto eines älteren Herrn zugeschickt hatte, der einen Schlapphut trug, Brille und ein Halstuch, das er sich über Mund und Nase hochgezogen hatte. Mir schwebte also eine Art Clint Eastwood vor, wie man ihn aus Pale Rider kennt.

    So kam es denn auch, dass ich den älteren Herrn, der, wie oben erwähnt, etwas ziellos durch das Café schlenderte, nie und nimmer als Herrn G. aus B. identifiziert hätte. Doch wenige Wochen zuvor hatten wir uns über den Ulysses von James Joyce ausgetauscht, den wir beide zwar nie zur Gänze gelesen haben, der aber aus unserem Literaturkanon „was unbedingt im Regal stehen muss und möglicherweise irgendwann gelesen wird“ nicht wegzudenken ist. Und so fragte er mich nach dem Gorgonzolasandwich, und da war alles klar.

    Ein solches Sandwich hatten wir nicht, dafür eine Quiche mit Zucchini, wenn ich mich recht erinnere, und die hat ihm genauso gut geschmeckt. Vielleicht besser, denn wer weiß, wie ein Gorgonzolasandwich, das einem in einem irischen Pub serviert wird, tatsächlich mundet?

    Es war der Beginn einer Woche voller Besuche, Gespräche und Begegnungen. Ein Stammgast kam mit ihm ins Gespräch, weil Herr G. sich natürlich in unser Gästebuch eintragen sollte und nur ein ordinärer Kugelschreiber zur Hand war – Minuten später saßen beide an einem Tisch und tauschten sich über Füllfederhalter aus, die beste Tinte, das beste Papier, das Schreiben von Tagebüchern, Reiseerinnerungen… Zwei junge Leute waren mit einer historischen Zündapp angereist, deren Klang Herrn G. aus B. vertraut vorkam und man fachsimpelte über alte Motorräder… Restauranttipps wurden ausgetauscht und Empfehlungen für die weitere Recherche bezüglich der Großmutter ausgesprochen…

    Es war uns ein Fest, Herr G.! Danke für Ihren Besuch, und hoffentlich bis bald! Unsere Korrespondenz haben wir mittlerweile wieder aufgenommen, vielleicht wird bei anderer Gelegenheit wieder darüber zu berichten sein.

  • Denkmal des Monats

    Es wird mal wieder Zeit für einen Blogbeitrag. Tagtäglich passieren wunderbare Dinge im Café, die berichtenswert wären, aber ich finde viel zu wenig Zeit dafür: Backen, Organisieren, Termine für Lesungen planen, Werbematerial erstellen, Einkauf, Cafébetrieb, Backen… und alles wieder von vorn. Und ab und zu braucht man auch Zeit für sich selbst.

    Aber gestern fand ein Ereignis statt, das nicht unter den Tisch fallen darf: wir wurden von der hessischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Angela Dorn, als Denkmal des Monats ausgezeichnet. Das Ganze ist verknüpft mit einer Begehung des Denkmals, einer kleinen Glückwunschrede samt Übergabe der Auszeichnung und einer Plakette, die gut sichtbar am Denkmal angebracht werden kann. Ja, ein kleiner Scheck gehört auch dazu.

    Frau Dorn fühlte sich sichtlich wohl in unseren Räumen, und das verbindet sie mit den meisten unserer Gäste. Ein schöner Tag, der würdig fotografisch festgehalten wurde und in die Annalen der Alten Apotheke eingehen wird.

    Wo ich nun wieder Zugang zum Blog gefunden habe, folgt in den nächsten Tagen sicherlich das eine oder andere Highlight der letzten Wochen: Herr G. aus B. hat uns besucht; Tim Frühling hat uns überrascht; Uta Desch hat bei uns musiziert – wie schon erwähnt, tagtäglich passieren wunderbare Dinge, und ich muss mir wieder die Zeit nehmen, sie hier festzuhalten, damit ich sie nicht vergesse.

    Eintrag ins Gästebuch
  • Do not go gentle into that good night

    Do not go gentle into that good night,
    Old age should burn and rave at close of day;
    Rage, rage against the dying of the light.

    Though wise men at their end know dark is right,
    Because their words had forked no lightning they
    Do not go gentle into that good night.

    Good men, the last wave by, crying how bright
    Their frail deeds might have danced in a green bay,
    Rage, rage against the dying of the light.

    Wild men who caught and sang the sun in flight,
    And learn, too late, they grieved it on its way,
    Do not go gentle into that good night.

    Grave men, near death, who see with blinding sight
    Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
    Rage, rage against the dying of the light.

    And you, my father, there on the sad height,
    Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
    Do not go gentle into that good night.
    Rage, rage against the dying of the light.

    Poem by Dylan Thomas

  • Die stillste Zeit

    Es ist ruhig geworden, um meinen Blog wie auch im Café. Die Wochen vor Weihnachten gehen dahin, nur wenige Gäste finden den Weg zu uns, das war schon vor Corona so. Heuer sicher aus anderen Gründen als vor zwei und vor drei Jahren. 2020 kann zum Vergleich nicht herangezogen werden, da waren wir im Lockdown.

    Zeit für zuviele Gedanken. Heute ist der kürzeste Tag des Jahres, mit der längsten Nacht, in der „das Licht wiedergeboren wird“. Was für ein Jahr liegt hinter uns. Grübeln liegt mir nicht, ich will nach vorne schauen, und seit einigen Tagen geht mir ein neuer Plan nicht mehr aus dem Kopf. Ein Plan, der unmittelbar mit dem Café zusammenhängt, mit allem, was ich dort, freiwillig und unfreiwillig, in den letzten drei Jahren gelernt habe.

    2022 werden wir in einem Reiseführer erscheinen, gestern erreichte mich der geplante Text mit der Bitte um letzte Korrekturen, ich bin schon so gespannt. Es gibt immer etwas, worauf man sich freuen kann, worauf es sich zu warten lohnt. Trotzdem, getreu meinem Motto, don’t waste your time waiting, will ich nicht nur warten, sondern auch meine eigene Energie wiederfinden und mich an die Gestaltung meines Plans machen. Liegt die längste Nacht erst hinter uns, geht es wieder aufwärts und meine Lebensgeister werden zurückkehren. Dann werde ich froh sein, dass ich einen Plan habe.

    Allen treuen Lesern meines Blogs, auch allen, die ihn zufällig entdecken, hängenbleiben, stöbern wie in einer Bibliothek, allen Menschen ein frohes, beschauliches, genussreiches Weihnachtsfest und die besten Wünsche für das Neue Jahr!

  • Momente fürs Herz

    Reiner Roßkopf war mal wieder bei uns und spielte Lieder von Reinhard Mey, dem großen Poesieentdecker in Worten wie „Luftaufsichtsbaracke“. Ein wie immer herzerwärmender Abend mit vielen Gästen, alten und neuen, die sich von Reiner mitnehmen ließen auf eine Reise mit Musikanten.

    Reiner, der Barde aus dem Rodgau, trat bereits zum dritten Mal bei uns auf, und mir bedeutet es sehr viel, dass wir nicht nur Stammgäste fürs Café und ein Stammpublikum für die Veranstaltungen im Lesungsraum aufbauen konnten, sondern auch einen Kreis von Stammkünstlern, die immer wieder zu uns kommen, immer mit neuem oder leicht verändertem Programm. Ein schöner Beweis dafür, dass jeder sich bei uns wohlfühlen kann.

    Neulich hatte die Backfee Geburtstag und ich habe ein Lichtlein für sie angezündet. Ich habe soviel von ihr mitgenommen, das wurde mir in den letzten Monaten so stark bewusst. Ich traue mir mehr und mehr zu, entdecke, wie zweckmäßig unsere Backstube eingerichtet ist und wie einfach es ist, mal was auszuprobieren, Rezepte umzugestalten, neue Ideen zu entwickeln. Ihre Karotten-Orangencrèmetorte mit Mandarinen habe ich abgewandelt in eine Buchweizen-Kirschcrèmetorte mit Preiselbeeren, also fast dasselbe, nur ein bisschen anders… Die fabelhafte Mandarinentorte mit Nussmakrone habe ich variiert mit Kokosmakrone und festgestellt, dass Kokos noch viel besser zu Mandarinen passt als Haselnuss… Schwimmbad- und Rotkäppchentorte beherrsche ich inzwischen im Schlaf, und aus den Quitten, die mir kürzlich aus Wuppertal im Paket mit einer Weinlieferung geschickt wurden, habe ich soviel Gelee gekocht, dass ich noch monatelang damit experimentieren kann: Apfeltarte mit Quittengelee, Buchweizentorte mit Quittengelee… Mit der Routine steigt die Lust am Ausprobieren, über den Tellerrand schauen, wissend, dass man sich immer auf die alten Rezepte verlassen kann, wenn’s mal nicht so funktioniert.

    Jetzt gönnen wir uns erstmal eine Pause, nach der langen Krankheit von Hans, die ihn und mich viel Kraft gekostet hat. Und auch die Tragödie um die Backfee steckt uns noch in den Knochen, da machen wir uns gar nichts vor. Der November eignet sich gut für eine Auszeit, Hochzeitstag steht an und die Möglichkeit, mal wieder aus dem Haus zu gehen und neue Eindrücke einzusammeln, die sich in neuen Kuchenideen niederschlagen könnten. Reiner hat den passenden Abschluss zu unserem aus Veranstaltungssicht kurzen Jahr geliefert, für 2022 stehen schon drei Termine fest, alle Zeichen sprechen dafür, dass es im nächsten Jahr mit viel Elan weitergeht, mit uns und unserem kleinen Kulturtreffpunkt.

  • Der zerstruwwelte Peter und andere Highlights

    Hans-Jürgen Lenhart war wieder bei uns zu Gast und hat den Lesungsraum gerockt. Begleitet von der Hanauer Literaturexpertin Ursula Zierlinger hat er den Struwwelpeter zerstruwwelt und neu gekämmt, und was haben wir gelacht. Daneben ging es durchaus ernsthaft zu, wenn Frau Zierlinger von Hintergründen zu den Texten, zur Geschichte des Autors, Dr. Heinrich Hoffmann, zu antisemitischen Tendenzen und ähnlichem berichtete. Aber der Fokus lag doch auf dem unglaublichen Talent Lenharts, aus Bekanntem Neues zu schaffen und immer den passenden Rhythmus dazu zu finden.

    Bestes Beispiel dafür: der Zapp-Philipp. Lenhart hat buchstäblich jede Struwwelpeter-Geschichte neu interpretiert, und so wurde aus dem Zappelphilipp der moderne Junge mit der Fernbedienung, der sich durch sämtliche deutschen Fernsehsender zappt, bis er zur Skulptur gefriert und mit seinem Stuhl hintenüberkippt. Das Ganze unvergleichlich gerappt, man merkt Lenhart seine Poetry Slam-Erfahrung deutlich an.

    Minz und Maunz, die Katzen aus der gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug, leiteten mit ihrem „miau mio, miau mio, wo ist das nächste Klo?“ die Pause sowie den Schluss ein, und immer wieder spielten sich Lenhart und Zierlinger die Bälle zu und reimten gemeinsam eine gekonnte Mischung aus den alten und den neuen Texten. Zierlingers Ausführungen zur Kindererziehung, die bis zur Zeit des Struwwelpeter, der 1845 erschien, hauptsächlich darin bestand, dass die Kinder zu schweigen und zu gehorchen hatten, ansonsten drohten schwere Prügelstrafen und Misshandlungen, regten zum Nachdenken an, und wenn man den Struwwelpeter heute als nicht mehr erziehungsgerecht betrachtet, ist er doch ein großer Fortschritt gegenüber vergangenen Zeiten. Kurzum, es war ein zugleich unterhaltsamer wie auch lehrreicher Abend, der im coronagerecht ausgebuchten Lesungsraum „Jacob“ zu anhaltendem Applaus und viel Gelächter führte.

    Im Anschluss hatten die Gäste Gelegenheit, die derzeit im Obergeschoss eingerichtete Ausstellung zu besuchen, deren Vernissage mit meinem alten Schulfreund Andreas Grafl am 25. September stattgefunden hatte, seinerzeit nicht mit der erhofften Resonanz, aber noch bis zum 31. Oktober sehr zu empfehlen.

    Ja, und das nächste Highlight steht bereits vor der Tür: am 27. Oktober tritt erneut Reiner Roßkopf bei uns auf und begleitet sich selbst auf der Gitarre zu Liedern von Reinhard Mey. Unbedingt reservieren, das darf man nicht verpassen!

  • Übung macht den Meister

    Ein schweres Erbe habe ich angetreten, indem ich versuche, in die Fußstapfen der Backfee zu treten und unseren Ruf zu wahren, den wir uns auch mit ihrer Hilfe erarbeitet haben. Aber es gelingt immer besser, und mit der Hilfe vom Chef, mit viel Geduld und allmählich eintretender Routine bin ich guten Mutes, dass wir auf diese Art weitermachen können, bis sich vielleicht am Horizont eine neue Option auftut. Im Moment habe ich großen Spaß dabei, die Rezepte auszuprobieren und freue mich immer wie ein Kind, wenn etwas gelungen ist.

    Die Vogelsberger Schneeballtorte (Foto über dem Beitrag; der Name ist quasi selbsterklärend) ist gar nicht so schwer wie gedacht, wenn man die erforderlichen Hilfsmittel besitzt; die Sanddorntorte (Foto links) muss ich nach und nach geschmacklich noch besser abstimmen (was sich auch auf die Farbe auswirken wird); zur Zeit ist sie mir noch zu – sanddornig. Etwas milder, etwas mehr apricotfarben, dann wird das perfekt. Und die Karotten-Orangencrème (Foto rechts) sah auf Anhieb genauso aus, wie ich sie in Erinnerung habe.

    Daneben probiere ich immer wieder neue Tarte-Rezepte aus, was neulich mal wieder zu einem Seelenschmeichler führte. Die Marzipantarte mit Himbeerkonfitüre habe ich in meinem Buch entdeckt; dabei stand als kleine Zusatzinformation aus der Rubrik nützliches Wissen, dass diese Tarte ca. 1860 in Bakewell erfunden wurde und in England daher unter dem Namen Bakewell Tart bekannt sei.

    Die Tarte stand also neben meinen anderen Erzeugnissen in der Auslage, die ersten Gäste kamen, die eine Dame fragt mich, was das für ein Kuchen sei, und ich sage, Marzipantarte mit Himbeerkonfitüre. „Oh, Bakewell Tart! Davon nehme ich ein Stück!“ Im Erstversuch gebacken, und gleich kommt jemand, der damit eine Erinnerung verbindet. Und den Ritterschlag verpasste sie mir dann mit der Beurteilung, dass ihr meine Version sogar besser geschmeckt hat als in England, denn, sie war nicht so süß. Das größte Kompliment überhaupt, das ich für die Kuchen der Backfee andauernd gehört habe.

    So machen wir also unverdrossen weiter, gönnen uns hier und da eine Pause, wenn es gesundheitlich erforderlich ist und freuen uns über jeden einzelnen Gast, der unseren Bemühungen seine Aufmerksamkeit schenkt.