(Wien, im Juli 2011) Wende beim geplanten Assange-Buch zu Wikileaks. Kurz: Es wird nicht kommen. Julian Assange wird seine Memoiren nicht schreiben. Der lukrative Vertrag mit dem schottischen Verlag ist (so gut wie) geplatzt. Das berichtet der „Guardian“ in seiner Online-Ausgabe am 6. Juli 2011. Man beruft sich auf nicht näher genannte Verlagsquellen. Die offiziellen Verlagsquellen schweigen beredt. Assange, verstrickt in diverse Londoner „Gerichtsanhörungen“ schweigt auch. Zum Memoiren-Projekt heißt es nun: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
Assange hat im Jänner 2011 beim schottischen Verlag Canongate einen Autorenvertrag über sagenhafte 930.000 Pfund unterschrieben (1.044.943,82 Euro). Das Buch wurde über Agenten vorab an 35 weitere Verlage aller Weltsprachen und Regionen vermarktet. Assange sprach damals, auf der Welle der Euphorie und maximaler medialer Beachtung nach Veröffentlichungen von Diplomatischen Kabeln seit Ende November 2010 davon, dass das Buch ein „einendes Dokument unserer Generation werden kann“.
Ein halbes Jahr später sieht er das nicht mehr so. Die Gründe sind zweierlei: „WikiLeaks“ zerrieb sich in internen Flügelkämpfen, mit dem Effekt, dass es heute unter keiner fixen Domain mehr zu finden ist. Ferner geriet Assange in die radikalfeministischen Fänge von schwedischen Wichtigtuern im Talar, die ihm zusetzen. Beides geschah am Höhepunkt der Bekanntheit und führte zum schleichenden Untergang des Projekts „WikiLeaks“. Die Spenden sanken 2011 gegen Null. Auf der privaten Ebene verschlang die bisherige Verteidigung im lächerlichen „Kriminalfall“, der eine Kriminalfalle zweier gekränkter ehemaliger Mitstreiterinnen ist, ein Vermögen. Man spricht von mehr als 200.000 Pfund. Assange trennte sich von seinen Erstanwälten und hat nun auch Medienklagen gegen Feinde laufen. Es ist die Phase des Aufräumens von Scherben. Assange will die Rolle Domscheit-Bergs klären, der laut seiner Ansicht die Webseite „Wikileaks“ zerstört und geplündert habe, ferner die Rolle der Medien, die sich an Wikileaks genüsslich bedient haben, aber Julian Assange offenbar als ganz gewöhnlichen Straßeninformanten sahen.
Der interne Streit, die aufgeblasenen Außenkonflikte mit den Feministen im sozialistischen Musterland Schweden, schroffe Distanzierungen von englischsprachigen Medien und – nicht zuletzt – drohende Ermittlungen der eitlen Supermacht USA, die ihm Spionage vorwerfen will, belasten sein Gemüt. Das ist verständlich. Unter diesen Umständen, noch dazu gedemütigt mit Fussfessel, kann niemand ein „Dokument“ schreiben, „das eine ganze Generation eint.“ Damit hat er sich entschlossen zu schweigen. Die geplanten Memoiren, die er mit dem Co-Autor Andrew O’Hagan schreiben und weltweit verkaufen wollte, werden wohl nie erscheinen. Auf jeden Fall nicht in der geplanten Form einer inspirierenden, sinnstiftenden Schrift, die Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit und politische Diskussionsfreiheit ins Zentrum stellt. Assange befürchtet, eine solche Schrift könnte den US-Anklägern „Munition liefern“.
Er ist clever genug, dass er nichts schreibt. Wozu Netzwerke preisgeben? Wozu Personen nennen? Vieles würde eindimensional gegen ihn verwendet werden. Behörden, das zeigt sich weltweit, schützen sich selbst und keinen Einzelnen. Sie sind höhergradig uneinsichtig. Sie stellen sich in den Mittelpunkt, Politik, nicht Ethik. Assange ist Individualist und Ethiker. Er ist auch Geheimnisträger und sollte das bleiben. Seine Rolle war die vergangenen fünf Jahre konsequent konspirativ und immer im Hintergrund. Sehr effektiv. Es tut nicht gut, sich auf der Bühne der Gesellschaft zu produzieren, wenn man die Bühne der Gesellschaft ins Zentrum der Kritik stellt. Es tut vor allem ihm nicht gut.
Die Memoiren hätten das Ziel verfolgt, die Internetgemeinde zu einen und auf Ziele einzuschwören. Möglicherweise hätte er in das Innenleben und Funktionieren von „WikiLeaks“ Einblick gegeben. Das interessiert, solange „WikiLeaks“ funktioniert. Es ist heute noch am Laufen, aber es funktioniert nicht mehr. Es wurde Insider-Show. Was nicht sein Fehler ist, denn er war zum wichtigsten Zeitpunkt verhindert (Dezember 2010). Insoweit sollte er mit offensiven „Memoiren“ zuwarten. Wenn er sie im Alter von 60 und nicht mit 40 aufschreibt, kann er alle Namen nennen. Manchmal ist Reden Silber, Schweigen Gold.
Marcus J. Oswald (Ressort: Medienmarkt)







