Es war früh und es war kalt, doch der Wagen kam auf die Minute pünktlich. Siebels öffnete von innen den Schlag. „Steigen Sie ein“, begrüßte er mich, und kaum hatte ich die Tür ins Schloss gezogen, trat der Fahrer unvermittelt aufs Gas. Die Straßen waren leer. Wir fuhren in hohem Tempo über die Südtangente, stadtauswärts. Langsam wurde es hell.
Und schon waren wir da. Der trutzige Klotz der Kaiser-Wilhelm-Kaserne lag in ganzer Baufälligkeit im Halbdunkel, von einigen Laternen erhellt, hinter dem schmiedeeisernen Zaun. Wo vor Jahrzehnten Sturzkampfgeschwader, Luftwaffensanitätsstaffeln und die Fliegerhorst-Kommandantur Krieg spielten, bröselte nun seit Jahrzehnten der Putz von Wänden und Decken. Der TV-Produzent reckte sich. „Beste Location“, sagte er zufrieden. „Wenn hier etwas in die Brüche geht, merkt das keine Sau.“ Immerhin war der durchgehend geflieste Boden begehbar. Es roch nach Reinigungsmittel. Irgendwo klackte es in einem müden, aber regelmäßigen Rhythmus. Die Schritte hallten durch den Saal, den Aufgang zum Obergeschoss und die Korridore. Klebezettel an den Wänden wiesen zum Westflügel. A44. Registratur.
„Das geht auch schneller!“ Ich war überrascht, dass der Aufseher keine militärische Uniform trug, sondern einen blütenweißen Arbeitskittel. Am Tisch saß ein junger Mann mit weinerlichem Gesicht. Ich stutzte. „Das ist doch…“ Siebels nickte. „Was meinen Sie wohl, warum wir hier sind.“ Dass er Politiker unter jedem denkbaren Vorwand in ein Fernsehstudio lockte, war mir bekannt. Wie er sie aber an diesem gottverlassenen Ort festhalten und mit Büroaufgaben quälen konnte, war eine echte Überraschung. „Ich kann das nicht“, jammerte der Mann. „Das sehe ich selbst“, knurrte der Wärter, „und das ist bei einer Anlerntätigkeit völlig egal.“ Er hatte einzelne Blätter aus einem der zahlreichen Ordner herauszusuchen und sie in einer bestimmten Reihenfolge in einem Aktendeckel abzuheften. Das war also nicht das Geräusch, das wir von unten gehört hatten. „Jetzt habe ich mich auch noch am Papier geschnitten!“ „Meine Güte“, stöhnte der Aufseher. „Was für Waschlappen wählen wir da in den Bundestag!“ Siebels zog mich zur Tür. Mir war das recht, ich hatte genug gesehen, und nicht viel davon wunderte mich.
Das Geweine war noch lange zu hören. In einem Nebenzimmer saß eine verzweifelte Frau, die im Akkord Blätter abzählte, immer drei, und sie unter den Locher legte. Das also war das Geräusch, das durch den ganzen Flügel vernehmbar war. Sie legte wieder drei Blätter in den Locher, viel zu langsam und zu vorsichtig, als dass man hätte annehmen können, sie wüsste genau Bescheid, wie das ginge, und drückte dann eine kleine Spur zu langsam auf den Hebel, so dass statt des üblichen kurzen und schneidenden Klangs ein mattes Quietschen ertönte. Auch hier war eine Aufsichtsperson vorhanden, die mit skeptischem Blick dieser Übung zusah. „Ihnen kann man ja beim Weglaufen die Schuhe besohlen“, moserte sie. Auch hier wurde gejammert. „Ich bin seit einer Stunde am Lochen, ich muss eine Pause haben!“ „Das ist natürlich Unsinn“, bemerkte ich, „die steht ihr zwar zu, aber nur ab sechs Stunden Arbeitszeit.“ „Ich muss aber…“ „Schluss jetzt!“ Siebels zuckte regelrecht zusammen. „Wenn Sie als OP-Schwester arbeiten oder einen Güterzug fahren, können Sie auch nicht ständig eine rauchen gehen!“
„Ist Ihnen etwas aufgefallen?“ Ich sah Siebels fragend an. „Eben“, bestätigte er. „Dass wir diese Inszenierungen alle aufzeichnen, dass die Kameras gut sichtbar in den Räumen aufgehängt sind, haben auch Sie gar nicht bemerkt.“ Damit hatte er einen Punkt. Die Politiker wussten, sie sind nur Teil einer Show, hatten es aber unmittelbar mit ihrem Einsatz verdrängt. Was sich von ihren üblichen Tätigkeiten allerdings nicht besonders unterschied.
Der nörgelnde Parteivorsitzende, der seinem Inspizienten mit schlecht ausgedachten Vorschriften aus einem Bundesarbeitsgesetz auf die Nerven ging, verstummte jäh, als das Knallen einer Reißschiene auf dem Tisch ihn unterbrach. Siebels runzelte die Stirn und bog linksum, wo die Treppe ins Parterre führte. Das Geschrei schwoll an. Da waren wir.
„Auf so eine Missgeburt höre ich nicht!“ Es war aber nicht der Wärter, sondern nur das sich zackig gebärdende Männchen, das auf dem Steinfußboden der alten Latrine aufstampfte. „Mach die Scheiße hier alleine, ich bin kein Sklave!“ Das also war der Maulheld, der die als Totalverweigerer bezeichnete, die keiner einstellen will. „Er hat ein individuelles Verhältnis zur Arbeit“, bemerkte der Aufseher. „Mir scheint, er weiß überhaupt nicht, was das ist, sonst würde er nicht ständig darüber reden.“ Siebels zog mich am Arm zurück. „Bin ich im Bild?“ Da begriff ich. Das in der blauen Montur steckende Männchen schob mit dem Fuß den Blecheimer über den Boden und stampfte noch einmal auf. „Ich werde mich bei meinem Vorgesetzten beschweren, ich werde dieser Drecksau das Leben zur Hölle machen!“ Siebels rückte noch einen Schritt ab. „Nur zu“, sagte der Aufseher kalt, „Ich bin ganz Ohr.“
Es ging dann ganz schnell. Der Parteisekretär hieb mit dem Schrubberstiel nach dem Wärter, doch der griff in den Eimer, zog den nassen Putzlappen heraus und schlug ihn dem Angreifer ins Gesicht. Dann stieß er den Eimer um. „In fünf Minuten ist das weg, sonst ist hier Karneval, Freundchen!“ Wir drückten uns schnell in den Korridor, um das laute Geheul nicht abzukriegen. „Vielleicht ist das an der einen oder anderen Stelle drastisch“, sagte Siebels, „aber im Kern entspricht es der Wirklichkeit.“ „Die Arbeitswelt?“ Er lächelte. „Wo denken Sie hin, die Ansichten von Politikern selbstverständlich.“







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