Krypto-Betrug : Das Schicksal der Opfer? Egal!

Es mal so richtig krachen lassen: „Take the Money and Run“ erzählt das glamouröse Leben der Kryptoqueen und Betrügerin Ruja Ignatova. Für die Betrogenen interessieren sich die Macher der Serie nicht.
Die Geschichte eines Verbrechens so zu erzählen, dass der Täter auch als Stimme aus dem Off zu uns spricht, ist heikel. Der Zuschauer sieht die Welt zunehmend mit seinen Augen und wird durch die kommentierende Stimme in die Gedankenwelt des Täters gezogen. Ob er will oder nicht, er baut eine Beziehung zu ihm auf, empfindet vielleicht Verständnis für seine Tat oder gar Sympathie. Solcherlei Bedenken scheinen den Machern der sechsteiligen ZDF-True-Crime-Serie „Take the Money and Run“ (Regie: Christiane Balthasar, Florian Schott, Drehbuch: Judith Angerbauer, Boris von Sychowski) keine schlaflosen Nächte bereitet zu haben. Vielleicht weil die Story zu gut ist, um sich mit moralischen Fragen herumzuschlagen.
„Take the Money and Run“ erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte der einstigen „Kryptoqueen“ Ruja Ignatova, die Millionen von Menschen um ihr Geld betrogen hat. Gemeinsam mit dem Amerikaner Sebastian Greenwood rief die 1980 in Bulgarien geborene Ruja 2014 die Kryptowährung Onecoin ins Leben, eine Fakewährung, von der sie den Anlegern versprach, sie werde Bitcoin in den Schatten stellen. In Wahrheit verkaufte Ruja nur den Traum vom Reichtum. Ihr Unternehmen besaß keine Blockchain. Nicht ein einziger Coin wurde je geschürft. Die clevere Verführerin versammelte ein Betrügerteam um sich, das in die Welt ausschwärmte und „Onecoin-Pakete“ verkaufte. Das funktionierte nach dem Prinzip der Tupperware-Party – ein Schneeballsystem mit immer neuen Verkäufern, die Freunde und Bekannte von der Kryptowährung überzeugten. So wurde Ruja in sehr kurzer Zeit sehr reich.
Die Kamera ist in dieses Gesicht verliebt
In „Take the Money and Run“ verkörpert Nilam Farooq die Kryptoqueen, und sie ist für diese Rolle eine ausgezeichnete Wahl. Ihr Gesicht kann ebenso gut Eiseskälte ausstrahlen wie Leidenschaft. Das Problem ist, dass die Kamera (Felix Poplawsky) in dieses Gesicht verliebt ist. Auch die weichen Momente im Leben der Betrügerin fängt sie geradezu hingebungsvoll ein. So entsteht Nähe zu einer Figur, die weltweit zahllose Existenzen zerstört hat.
Zuerst aber lernen wir die kleine Ruja kennen, die mit ihrer Familie aus Bulgarien in den Schwarzwald kommt, kein Wort Deutsch spricht, sich behaupten muss und sich für den nicht zum Geschäftsmann geborenen Vater (Roman Kanonik) schämt. Der wichtigste Rat der Mutter (Jana Kozewa) lautet: „Nimm dir, was du kriegen kannst.“ Ruja befolgt diesen Rat mit atemraubender Konsequenz.
Die Serie erzählt nicht chronologisch, sie springt zwischen den Zeiten und Orten. Mal werden wir Zeuge von Rujas Bosheiten im Schwarzwald, mal begleiten wir sie nach England, Macau oder Bangkok, wo sie auf Beutezug geht. Es fließt viel Champagner, Ruja trägt teuren Schmuck, Designerkleidung, und natürlich kauft sie sich bald eine Yacht. Sebastian Greenwood (Charlie Petersson), der Geschäftsmann an ihrer Seite, ist an Schmierigkeit kaum zu überbieten. Überhaupt ist diese Serie reich an unsympathischen Charakteren – dazu gehören auch Rujas Mutter und Frank Schneider (Andreas Anke), Rujas Sicherheitsberater, ein übergewichtiger, selbstverliebter Typ.
In einer Szene sagt Ruja: „Die Menschen mögen es nicht, wenn man erfolgreich ist, vor allem als Frau.“ Es ist einer dieser manipulativen Sätze, die wie eine Rechtfertigung ihrer Betrugsmasche klingen. Der Subtext: Ein armes Mädchen aus Bulgarien hätte im kapitalistischen Westen niemals eine Chance gehabt, auf legalem Weg reich zu werden. Was blieb ihr also anderes übrig? Und ist es nicht auch cool, aus der Gier der Anleger ein Geschäftsmodell zu machen, in einem Palast zu leben und es so richtig krachen zu lassen? Dass die Drehbuchautoren nach sehr vielen und oft zähen Minuten endlich eine Opfergeschichte einbauen, wirkt wie eine Pflichtübung. Eine junge Frau, die ihre Mutter pflegt, setzt alles auf eine Karte und kauft die Kryptowährung – am Ende nimmt sie sich das Leben.
Im Pressetext des ZDF heißt es, die Serie erzähle eine Geschichte, die von Überraschungen, großen Emotionen und hoher Spannung nur so strotze, die einen Ausschnitt einer verrückten Welt voller Reichtum, Machtgelüste und Gier einfange. „Und gleichzeitig die Verlierer auf beiden Seiten der OneCoin-Medaille nicht außer Acht lässt.“ Auf beiden Seiten? Ist damit auch Ruja Ignatova gemeint, die meistgesuchte Verbrecherin weltweit? Sofern sie noch lebt, dürfte es ihr nicht allzu schlecht gehen. Sätze wie diese verhöhnen die Opfer. Wer sich für deren Schicksal interessiert, sollte die Sky-Dokuserie „Kill Bitcoin! Die Kryptoqueen und ihr OneCoin-Betrug“ ansehen. Sie bietet mehr als Bilder aus einer Protzwelt und ein paar gelungene Szenen.






