Filmklassiker „Ein Prophet“ :
Der Knast als Aufstiegsmöglichkeit

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Keine guten Aussichten: Malik im Gefangenentransporter

Für Jacques Audiard und Tahar Rahim brachte der Gefängnisfilm 2009 den Durchbruch. Doch die Geschichte von Malik ist weit mehr als nur ein intelligenter Thriller hinter Gittern.

Welchen Preis ist ein Mensch bereit zu zahlen, um zu überleben? Kann Schuld entstehen, wo es keine Wahl gibt? Der unaufdringliche Held Malik El Djebena (Tahar Rahim) hat in Jacques Audiards „Ein Prophet“ (2009) keine Zeit, solche philosophischen Überlegungen anzustellen. Nicht einmal zwanzig Minuten lässt der Regisseur ihm, um eine praktische Antwort zu geben. Diese brutale Konfrontation muss auch die Kritiker in Cannes bei der Premiere unvorbereitet getroffen haben.

Der französische Journalist Jacques Mandelbaum beobachtete an jenem Festivalvormittag die Reaktionen der Journalisten im Grand Théâtre Lumière. Stürmischer Beifall brandete auf; doch eindrücklicher war das lange Schweigen der Zuschauer. Für Mandelbaum war die Sache damit klar: Der Sieger war gekürt. Letztlich wurde es „nur“ der große Preis der Jury, mit dem Hauptpreis wurde in dem Jahr „Das weiße Band“ von Michael Haneke ausgezeichnet. Während der Österreicher zeigt, wie Ordnung Gewalt hervorbringt, zeigt Audiard, wie Gewalt Ordnung stiftet: Sie stabilisiert Maliks Welt, eröffnet ihm ein Aufstiegsversprechen, das die französische Mehrheitsgesellschaft ihm zuvor verwehrt hatte.

„Wenn du ihn nicht umbringst, bringe ich dich um“

Denn Malik, neunzehn Jahre alt, Heimkind, maghrebinischer Abstammung, Analphabet, ohne Freunde und Glauben, ist ganz unten, als wir in sein Leben eintauchen. Nach einer Auseinandersetzung mit einem Polizisten muss er sechs Jahre absitzen, bei „den großen Jungs“, wie ihm sein Anwalt beim Haftantritt erklärt. Und die haben ganz eigene Pläne mit dem „Frischfleisch“. Der arabische Mithäftling Reyeb, der in einem Mafiaprozess aussagen soll, will den mittellosen Malik dazu überreden, ihn für ein wenig Haschisch oral zu befriedigen.

Der Annäherungsversuch unter der Dusche bleibt auch den korsischen Mafiosi nicht verborgen, die den unlieb­samen Prozesszeugen loswerden wollen. Deren Pate César Luciani (Niels Arestrup) eröffnet Malik während des Hofgangs, er müsse Reyeb töten. „Jetzt, wo du eingeweiht bist, heißt das: Wenn du ihn nicht umbringst, bringe ich dich um“, stellt Luciani fast beiläufig fest. Einen Ausweg gibt es nicht, denn die Korsen kontrollieren den korrupten Gefängnisvorsteher.

Bildungsroman und Rachegeschichte gleichermaßen

Was Audiard aus dieser tragischen Zwangslage in den folgenden zwei Stunden entwickelt, ist weit mehr als ein Gefängnisthriller. Es ist eine Sozialstudie, die gewaltvolle Aufstiegsgeschichte eines Niemands an die Spitze eines Systems, somit auch eine Allegorie auf die französische Gesellschaft, wenn Malik sich zwischen den Identitäten aufreibt, zwischen den Fronten der beiden Außenseitergruppen, Korsen und Araber, einen Drahtseilakt vollführt. Als Gefängnis-Gleichnis, als radikal verdichteten Mikrokosmos gesellschaftlicher Verhältnisse wollte Audiard seinen Film verstanden wissen.

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„Ein Prophet“ ist aber auch ein Bildungsroman, eine Rachegeschichte und das Porträt einer pervertierten Vater-Sohn-Dynamik. Die Tat markiert keinen Absturz, sondern die Initiation in die organisierte Kriminalität. Indem er sich unterwirft, erlangt Malik das Vertrauen des korsischen Dons. Der sieht in seinem Diener nur ein Werkzeug, um seine eigene Macht zu festigen. Durch seine wohl auch rassistische Überheblichkeit geblendet, verkennt er, dass Malik mit machiavellistischer Gerissenheit ganz eigene Ziele verfolgt.

Die erzählerische Wucht dieser ungleichen ­Beziehung zwischen einem alternden Gangster und einem nordafrikanischen Straßenjungen liegt nicht nur im intelligenten Drehbuch, ­sondern auch im großartigen Spiel beider ­Darsteller. Während Niels Arestrup die Rolle des un­barmherzigen Patriarchen mit der Kaltblütigkeit und archaischen Autorität eines Raubtiers füllt, spielte der Newcomer Tahar ­Rahim seinen Malik mit einer beeindruckenden Integrität, fast schon kindlichen Reinheit, die den Zuschauer verzeihen lässt, wie viel Blut an seinen Händen klebt.

„Als ich in seine Augen sah, erkannte ich keine Melancholie, keine Tragik, nur jemanden sehr Aufrichtigen, voller Leichtigkeit und Leben“, erinnert Audiard das Casting. Rahim füllt seinen Charakter mit jeder Szene mit mehr Mut und Hoffnung. Sowohl für Jacques Audiard, der zuletzt mit „Emilia Pérez“ Erfolg feierte, als auch für Tahar Rahim, der in „Der Mauretanier“ gegenüber von Jodie Foster drehte, bedeutete „Ein Prophet“ den internationalen Durchbruch.

Der Stoff ließ Produzenten in Los Angeles offenbar nicht los: Seit Jahren kursieren Gerüchte über ein geplantes Remake, mit einem Drehbuch von der Krimikoryphäe Dennis Lehane und mit Russell Crowe in der Rolle des Mafiabosses. Wie es um die Produktion bei Paramount Pictures steht, ist bislang unklar. Ob man diesen auch in seiner Ästhetik und Kameraarbeit kunstvollen Film als blutleeren Hollywoodabklatsch sehen will, ist zweifelhaft. Erzählen ließe sich die Geschichte wohl in jedem Gefängnis der Welt. Doch sie wäre dann nicht mehr Maliks Geschichte, die untrennbar mit Frankreich verbunden ist.

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