Website zum 5. Jahrestag : Das Weiße Haus schreibt die Geschichte des 6. Januar 2021 um

Zum fünften Jahrestag des Sturms auf das Kapitol veröffentlicht das Weiße Haus eine eigene Website. Dort heißt es, die Demokraten hätten die Realität der Geschehnisse am 6. Januar 2021 „meisterhaft umgekehrt“.
Geht es nach dem Weißen Haus, war der Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021 ein „friedlicher, patriotischer“ Protest. Die Demokraten hätten die Realität „meisterhaft umgekehrt“, heißt es auf der zum fünften Jahrestag am Dienstag veröffentlichten Website. Sie hätten Demonstranten als „Aufständische“ gebrandmarkt und das Ereignis als Putschversuch dargestellt. Dabei seien sie es gewesen, die das Ergebnis einer „betrügerischen Wahl“ bestätigt hätten.
Was fünf Jahre lang Donald Trumps persönliche Darstellung dieses verhängnisvollen Tages war, hat nun auch seinen Weg in offizielle Regierungskommunikation gefunden. Die Website macht mit einem großen Schwarz-Weiß-Foto der damaligen Sprecherin des Repräsentantenhauses auf, Nancy Pelosi. Sie wird nachfolgend für das „Chaos“ verantwortlich gemacht, „das sie später nutzten, um die Macht zu ergreifen und zu festigen“. Was nach unrechtmäßiger Machtübernahme klingt, war ein demokratischer Prozess. Der Kongress war an diesem Tag zusammengekommen, um Joe Bidens Wahlsieg gegen Trump zu bestätigen – was er nach einiger Verzögerung schließlich auch tat.
Das Weiße Haus spricht in einer bizarren Verzerrung der tatsächlichen Ereignisse davon, die Demokraten hätten die Erzählung eines Aufstands dazu genutzt, „unschuldige Amerikaner zu verfolgen, die Opposition zum Schweigen zu bringen und von ihrer eigenen Rolle bei der Untergrabung der Demokratie abzulenken“. In einem Zeitstrahl heißt es, die Reaktion der Kapitolpolizei habe die Spannungen eskalieren lassen. Man habe Tränengas, Blendgranaten und Gummigeschosse gegen „friedliche Demonstranten“ eingesetzt. Diese „provokativen“ Taktiken hätten aus friedlichem Protest ein Chaos gemacht.
„Ich dachte, ich sterbe auf den Stufen des Kapitols“
Im Kontrast dazu berichtete ein früherer Beamter der Kapitolpolizei in einer Anhörung der Demokraten im Repräsentantenhaus am Dienstag von den gewalttätigen Angriffen auf ihn am 6. Januar 2021. Er sei ins Gesicht geschlagen und mit Pfefferspray angegriffen worden, sagte Winston Pingeon. „Ich dachte, ich sterbe hier auf den Stufen des Kapitols.“
Die Website des Weißen Hauses erwähnt mehrere Aufrührer namentlich, die während des Sturms auf das Kapitol oder im Zusammenhang damit ums Leben kamen. Über Ashli Babbitt, die von einem Polizisten erschossen wurde, als sie versuchte, durch ein Fenster ins Kapitol zu klettern, heißt es, sie sei „kaltblütig ermordet“ worden. Es gibt jedoch keinen Hinweis auf die knapp 140 Polizeibeamten, die verletzt wurden. Stattdessen wird die Falschbehauptung verbreitet, „null“ Polizeibeamte seien gestorben. Ein Polizist starb am Tag nach dem Zusammenstoß mit den Aufrührern, vier weitere nahmen sich später das Leben.
Die Überschriften der Zeitleiste lesen sich wie die Handlungen eines autoritären Staates: „Gestohlene Wahl bestätigt“, „Präsident Trump zum Schweigen gebracht“, „Massenfestnahmen patriotischer Demonstranten“. Trump hatte seine Unterstützer nach seiner Rede vor dem Weißen Haus damals gen Kapitol geschickt und sich erst gut drei Stunden später wieder mit einem Video zu Wort gemeldet, in dem er sie dazu aufrief, das Kapitol zu verlassen. „Ihr müsst jetzt nach Hause gehen.“ Zwar sei die Wahl „gestohlen“ worden, doch man müsse „unsere großartigen“ Polizisten respektieren.
Vier Jahre später begnadigte Trump als eine seiner ersten Amtshandlungen der zweiten Präsidentschaft fast alle Aufrührer des 6. Januar. Auf der Website heißt es nun, er habe keine Zeit verschwendet, „eine der größten Ungerechtigkeiten der modernen amerikanischen Geschichte zu korrigieren“. Enrique Tarrio, der frühere Anführer der „Proud Boys“ und einer der Drahtzieher des Sturms auf das Kapitol, dankte Trump während eines Gedenkmarschs am Dienstag dafür: Ohne den Präsidenten wären viele der Demonstranten heute nicht wieder in Washington.





