Streit über Ausrichtung : Es brodelt in Trumps MAGA-Bewegung

„Mann, haben wir uns geirrt“: Trumps Unterstützer streiten – über Militärinterventionen, Antisemitismus und Ausländerhass. Mit seinen 79 Jahren kann der Präsident die Bewegung nicht mehr befrieden.
Marjorie Taylor Greene erklärte ihre Abkehr von Donald Trump jüngst damit, sie wolle „mehr wie Christus sein“. Nach der Ermordung des rechtspopulistischen Aktivisten Charlie Kirk und Trumps anschließenden Hassbekundungen in Richtung seiner Gegner habe sie feststellen müssen, sie sei Teil einer „toxischen Kultur“. Das sagte die Abgeordnete aus Georgia kurz vor ihrem Ausscheiden aus dem Kongress in einem Interview mit der „New York Times“ – noch vor der amerikanischen Militäroperation in Venezuela. Die kommentierte sie später mit der Bemerkung, Trump habe mit dem Versprechen „Amerika zuerst“ alle an der Nase herumgeführt.
Noch vor wenigen Monaten schien das undenkbar: Eine der lautesten und aggressivsten Unterstützerinnen Trumps kritisiert den Präsidenten regelmäßig, noch dazu in einer von ihm vielfach gescholtenen Zeitung. Doch Greenes öffentliches Zerwürfnis mit dem Präsidenten ist einer von vielen Hinweisen darauf, dass die „Make-America-Great-Again“-Bewegung ein Jahr nach Trumps Amtsantritt in einer Krise steckt.
Greenes Kritik am Präsidenten ist inhaltlicher Art. Sie wirft Trump vor, er mache keine Politik im Sinne der Amerikaner, vernachlässige mit seiner Außenpolitik das Motto „America First“. Zu Venezuela schrieb sie, die MAGA-Anhänger hätten geglaubt, sie stimmten mit Trump gegen die „endlose militärische Aggression“ der amerikanischen Regierung. „Mann, haben wir uns geirrt.“

Der große Knall kam jedoch mit der Weigerung Trumps, die Akten zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein wie versprochen freizugeben. In einem letzten Telefonat soll Trump Greene nach ihrer Aussage angeschrien haben: Seine Freunde nähmen durch eine Veröffentlichung der Akten Schaden. Die Abgeordnete hat den Kongress am Montag verlassen, knapp ein Jahr vor dem Ende ihrer Amtszeit. Es sei nicht fair, ihrem Wahlkreis in Georgia eine von Trump angetriebene „hasserfüllte“ Vorwahl zuzumuten, sagte sie zur Begründung.
Das Jahrestreffen von „Turning Point“ legte Bruchstellen offen
Es war in den vergangenen zwölf Monaten ein wiederkehrendes Phänomen, dass prominente Anhänger der MAGA-Bewegung Trumps Entscheidungen öffentlich infrage stellten, vor allem in außenpolitischen Fragen. Das amerikanische Eingreifen in Venezuela war da keine Ausnahme. Trump wischte das in einem Interview am Montag mit den Worten beiseite, MAGA liebe „alles, was ich tue“. Doch schwerer noch als Uneinigkeiten über die politische Ausrichtung wiegen die Grundsatzdebatten darüber, auf welche Werte und Inhalte die Bewegung setzt – und wer sie künftig anführt. Um Trump geht es vielen dabei schon gar nicht mehr.
Das Jahrestreffen von Kirks Organisation „Turning Point“, an dem mehr als 30.000 Menschen teilnahmen, legte die Bruchstellen offen wie nie zuvor. An Tag drei der Konferenz im Dezember sah Vizepräsident J. D. Vance sich genötigt zu beschwichtigen. Trump habe nicht die „großartigste politische Bewegung“ aufgebaut, damit diese sich dann „endlosen, zerstörerischen Reinheitsprüfungen“ unterziehe, sagte er in seiner Rede. Es gebe Wichtigeres zu tun, als sich gegenseitig den Mund zu verbieten. Dann berief Vance sich auf die übliche Wir-gegen-die-Erzählung von MAGA. „Wenn du Charlie Kirk vermisst, versprichst du, für die Sache zu kämpfen, für die er gestorben ist?“, rief er in die Menge. „Versprichst du, das Land von denjenigen zurückzuholen, die ihm das Leben genommen haben?“ Doch der Schaden war angerichtet.
Carlson und Shapiro stritten auf offener Bühne
Es ist bemerkenswert, dass es ausgerechnet auf der „Turning Point“-Veranstaltung zum bislang tiefsten Zerwürfnis kam. Der ermordete Kirk ging einst mit seinen rechtspopulistischen Thesen auf traditionell eher linksliberale Campus in Amerika, suchte die Auseinandersetzung. Sein Spruch war: „Beweis mir das Gegenteil.“ Kirks Witwe Erika sagte zu Beginn der Veranstaltung denn auch, man werde an diesem Wochenende nicht mit jedem Redner übereinstimmen. „Und das ist in Ordnung. Willkommen in Amerika.“
Doch die Spannungen, die sich in Phoenix entluden, rührten an Grundfragen der Bewegung: Wie steht MAGA zu Israel? Zu antisemitischen Aussagen in den eigenen Reihen? Wie weit geht die von Trumps Anhängern immer wieder beschworene Meinungsfreiheit? Was ist „amerikanisch“, was nicht?
Der konservative Kommentator Ben Shapiro, ein orthodoxer Jude, machte auf der Konferenz in Phoenix den Anfang – und sprach in düsteren Tönen. Die Bewegung sei in „ernsthafter Gefahr“, sagte Shapiro. Nicht nur von links, sondern auch durch „Scharlatane, die vorgeben, im Namen von Prinzipien zu sprechen, aber in Wirklichkeit Verschwörungstheorien und Unehrlichkeit verbreiten“. Konkret nannte Shapiro unter anderen die Podcasterin Candace Owens, die antisemitische Parolen und Verschwörungstheorien verbreitet, den früheren Fox-News-Moderator Tucker Carlson und Trumps früheren Chefstrategen Steve Bannon. Sie alle seien „Betrüger und Gauner“.

Shapiros Kritik an Carlson bezog sich vor allem auf das Interview, das der frühere Moderator im Oktober mit dem rechtsextremen Aktivisten Nick Fuentes geführt hatte. Wer einem Hitler-Verehrer und „antiamerikanischen Abschaum“ wie Fuentes eine Plattform biete, der müsse auch dazu stehen, sagte Shapiro an die Adresse Carlsons gewandt.
Schon auf einer Veranstaltung der konservativen „Heritage Foundation“ in Washington hatte er kurz vorher gesagt, Carlson solle aus der konservativen Bewegung ausgeschlossen werden, auch weil er die freie Marktwirtschaft kritisiere und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gegenüber wohlwollend eingestellt sei. Es brauche „ideologische Grenzkontrollen“, damit MAGA nicht zu einer „Bewegung ohne Prinzipien“ werde.
Carlson spottete in Reaktion auf Shapiros Angriff: Er habe über die Aussagen lachen müssen. Es sei „lächerlich“, dass er ausgerechnet auf einer Veranstaltung zu Ehren Kirks dazu aufrufe, Leute zum Schweigen zu bringen. Der frühere Moderator hob in seiner Ansprache auf die Rede- und Meinungsfreiheit ab und versicherte der Menge, er sei nicht antisemitisch – das sei nicht nur widerlich, sondern auch „unmoralisch“. Doch Carlsons Interview mit Fuentes war heftig dafür kritisiert worden, dass er dem glühenden Antisemiten weitgehend unwidersprochen eine Plattform gab.
Die antisemitische Israelkritik des 27 Jahre alten Fuentes ist im Zuge des heftigen Vorgehens der israelischen Regierung in Gaza in den vergangenen Monaten vor allem bei jungen Republikanern auf fruchtbaren Boden gefallen. Die unerschütterliche Unterstützung konservativer Amerikaner für Israel bröckelt; die Debatte wird zum Generationenkonflikt innerhalb von MAGA. Amerikanische Medien zitierten junge Teilnehmer des „America Fests“ mit den Worten, man stimme nicht in allem mit Fuentes überein – wohl aber mit der Kritik an Israel. Damit folgen sie mindestens in Teilen einem jungen Mann, der sich auch offen rassistisch und frauenfeindlich äußert.
Austritte bei der Heritage-Stiftung
Der äußerste rechte Rand der MAGA-Bewegung radikalisiert sich weiter. In den vergangenen Monaten kamen Gruppenchats von Vereinigungen junger Republikaner an die Öffentlichkeit, in denen übelste Aussagen über Juden und Ausländer getroffen wurden. Der frühere Präsidentschaftskandidat und Bewerber um den Gouverneursposten in Ohio, Vivek Ramaswamy, warnte in Phoenix auch vor dem wachsenden ethnischen Nationalismus unter Konservativen. Die Vorstellung, dass bestimmte Leute amerikanischer seien als andere, sei „zutiefst unamerikanisch“, sagte Ramaswamy, ein Kind indischer Einwanderer.
In einem Gastbeitrag für die „New York Times“ schrieb er, wer an der „zunehmenden Verbreitung der Blut-und-Boden-Ideologie“ zweifele, solle sich seine Profile in sozialen Medien anschauen. Sie seien „übersät mit Hunderten von Beleidigungen“. Auf der Konferenz in Phoenix verband Ramaswamy diese Beobachtung mit einer Forderung: Wer ein solches Verhalten nicht zweifelsfrei verurteilen könne, der habe „keinen Platz“ in der konservativen Bewegung.

Dass Untätigkeit und Unentschlossenheit von einigen durchaus bestraft werden, zeigte sich jüngst an einem Exodus bei der Heritage-Stiftung in Washington. Ihr Präsident Kevin Roberts war Carlson nach dem Interview mit Fuentes unter Verweis auf die Meinungsfreiheit beigesprungen. Er verteidigte den Konservativen unter Nutzung antisemitischer Stereotype und entschuldigte sich erst später für seine „schreckliche Wortwahl“.
Im Dezember verließen dennoch mehr als ein Dutzend Mitarbeiter die „Heritage Foundation“, um sich der Denkfabrik des früheren Vizepräsidenten Mike Pence anzuschließen, „Advancing American Freedom“. Pence, der sich mit Trump im Zuge der angeblich „gestohlenen“ Wahl 2020 überworfen hatte, begrüßte die Neuzugänge in einer Pressemitteilung mit den Worten, sie brächten „reiche Erfahrungen, Liebe zum Land und ein reges Engagement für die Verfassung und die konservative Bewegung“ mit.
Die Nachfolge Trumps ist bisher ungeklärt
Bislang reichte Trump, um die splitternde Bewegung zumindest nach außen hin zusammenzuhalten. In seinem Namen überzeugten Aktivisten aller Couleur die Basis. Doch der Republikaner hat inzwischen aufgehört, mit einer dritten, verfassungswidrigen Präsidentschaft zu kokettieren. Das schafft ein Vakuum, in dem die aktuellen Fehden sich ungestört ausbreiten können.
Jüngst verwies der Neunundsiebzigjährige darauf, sein Nachfolger sitze vermutlich in der Riege des aktuellen Kabinetts. Einer der Favoriten für Trumps Nachfolge, Vizepräsident Vance, hielt sich in Phoenix noch alle Optionen offen. Er habe keine Liste von Leuten mitgebracht, die es abzustrafen gelte, sagte er in Anspielung auf Shapiros Vorwürfe.
An anderer Stelle hatte sich Vance im Sinne derer geäußert, die die Vereinigten Staaten als christlichen Staat weißer Amerikaner sehen wollen. Nach dem hinduistischen Glauben seiner Ehefrau Usha gefragt, sagte er im November vor Tausenden Zuschauern, er hoffe durchaus, sie werde eines Tages genauso „vom christlichen Evangelium“ bewegt wie er. Nach heftiger Kritik an der Aussage, die viele als respektlos gegenüber Usha Vance empfanden, schrieb der Vizepräsident auf X, seine Frau habe nicht vor zu konvertieren. Doch er hoffe „wie viele Leute in einer interkonfessionellen Ehe“, sie werde „die Dinge“ eines Tages genauso sehen wie er.
In der Debatte um das amerikanische Vorgehen in Venezuela spielt Vance dieser Tage überraschenderweise kaum eine Rolle. Es kommt Außenminister Marco Rubio zu, Trumps Äußerungen zu vertreten. Auch der ist ein möglicher Kandidat für 2028. Doch im Gegensatz zu Vance trüge sein Wahlkampf dann auch den Stempel Venezuela. Womöglich ein rotes Tuch für viele, die Amerika wieder groß sehen wollen.





