Mainzer Perspektiven : Hängepartien und Erfolgsgeschichten

Dass selbst in Deutschlands dynamischster Stadt nicht alles schnell geht, lässt sich in Mainz vielerorts erfahren: am Bahnhof, im Schwimmbad und an der „Lu“.
Die vielen Baustellen, die es bei einem Mainz-Besuch zu umgehen, zu umfahren oder sonst wie zu umschiffen gilt, sind für Touristen, Anwohner und Einzelhändler ein Ärgernis. Aber eben auch ein Beleg dafür, dass sich in „Deutschlands dynamischster Stadt“ – diesen Titel haben sich die Rheinhessen im Ranking von Wirtschaftswoche und IW Consult 2025 zum vierten Mal in Folge gesichert – einiges tut. So soll das Straßenbahnnetz zügig ausgebaut und um eine Innenstadtroute erweitert werden.
In den Feldern am Europakreisel entstehen zudem Neubauten für ansiedlungswillige Unternehmen und Institute, die sich mit Biotechnologie respektive Lebenswissenschaften beschäftigen. Und auf dem ehemaligen Kasernengelände an der Goldgrube möchte sich der in der Corona-Pandemie bekannt gewordene Impfstoffhersteller Biontech SE möglichst bald weiter ausbreiten. Seine Forscher arbeiten derzeit vor allem an Immuntherapien und Krebspräparaten.
Die Unimedizin und mit ihr auch die rheinland-pfälzische Landesregierung denken ebenfalls an eine Vergrößerung. Auf Ackerflächen am Stadtrand würde man gern einen zweiten Klinikstandort, vor allem für stationär zu behandelnde Patienten, eröffnen: ob in der Draiser Senke unterhalb des Zweiten Deutschen Fernsehens oder auf der Bretzenheimer Gemarkung. Zumindest mit einer Grundsatzentscheidung wäre 2026 wohl zu rechnen, falls die drei Partner der Ampelkoalition die für 22. März anberaumten Landtagswahlen schadlos überstehen.
Warten auf die Weinfass-Sauna
Unabhängig davon dürften die Sanierung des Rathauses am Rheinufer sowie der Umbau des Gutenberg-Museums auf dem Liebfrauenplatz weitergehen. Beide Mainzer Großprojekte sollen jeweils mehr als 100 Millionen Euro kosten.
Andere Vorhaben, wie die Modernisierung des Taubertsbergbads am Hauptbahnhof, dümpeln dagegen vor sich hin. Denn kurz vor der eigentlich zum Jahreswechsel geplanten Wiedereröffnung der beliebten Freizeiteinrichtung musste der mit dem Umbau beauftragte Generalunternehmer Insolvenz anmelden. Bis auf Weiteres wird das neu konzipierte Sport- und Familienbad mit seinen beiden Röhrenrutschen also unvollendet bleiben.
Ob und wann das ebenfalls angekündigte Taubertsberg Spa mit doppelstöckiger Weinfass-Sauna, Dampfbädern und Pools eröffnen kann, lässt sich ebenfalls kaum absehen. Die Hoffnung auf den versprochenen Badespaß nebst Wellnessangeboten brauchen potentielle Kunden aber nicht ganz aufzugeben, weil das damals marode Frei- und Hallenbad 2018 von der Mainzer Stadtbad GmbH, einer hundertprozentigen Tochter der solventen Stadtwerke AG, übernommen wurde.

Auch an der kurz „Lu“ genannten Ludwigsstraße, der Haupteinkaufsmeile in der Innenstadt, hätten sich viele wohl gewünscht, dass es mit der angekündigten Umgestaltung des früheren Karstadt- und Hertie-Areals schneller gehen würde. Immerhin gibt es mittlerweile ein Nutzungskonzept für das angrenzende Kulturhaus. Läuft bei dem 28-Millionen-Euro-Projekt alles nach Plan, könnten die Anna-Seghers-Bücherei und das Staatsorchester womöglich 2027 auf der anderen Seite der Fuststraße einziehen. Erst danach, so jedenfalls die bisherige Planung des Investors, werde man sich an den Abbruch des alten Kaufhauskomplexes an der Ludwigsstraße machen.
Mit Verzögerungen ist in den nächsten Monaten außerdem rund um den Eisenbahnknoten Mainz zu rechnen, weil die Deutsche Bahn-Tochter DB InfraGO nach Unternehmensangaben mehrere Hundert Millionen Euro in der Region „vergraben“ will. Es werden neue Weichen und Gleise verlegt sowie Oberleitungen und Stellwerkstechnik ausgetauscht. Vieles davon sei notwendig, um dann, wenn man vom Sommer 2026 an die Gleise erst auf der rechten und von Anfang 2028 an auf der linken Seite des Rheintals modernisiere, für alle notwendigen Umleitungen und Taktverdichtungen gerüstet zu sein. Baustellenbedingte Verzögerungen und sonstige Beeinträchtigungen müssen Bahnreisende auf dem Weg nach Frankfurt, Wiesbaden oder durch das Mittelrheintal also noch eine ganze Weile ertragen.
Neubaustrecken für die „Elektrische“
Auch im Mainzer Stadtgebiet, wo allein der häufig überlastete und dringend zu sanierende Autobahnring Verkehrsteilnehmer regelmäßig zur Weißglut bringt, wird 2026 wieder an Verbesserungen der Verkehrsinfrastruktur gearbeitet. Momentan ist etwa der Straßenbahnast nach Bretzenheim komplett gesperrt, weil dort Schienen ausgewechselt und Haltestellen umgebaut werden. Was anschließend in ähnlicher Weise auf der Strecke nach Hechtsheim gemacht werden soll.
Der von vielen Bürgern gewollte Ausbau des Tramnetzes wird noch Jahre dauern. Schließlich ist beabsichtigt, eine neue Innenstadt-Ringlinie vom Schillerplatz aus auf der Ludwigsstraße über die Rheinallee bis in die Neustadt und weiter zum Bahnhof zu verwirklichen. Außerdem sollen das neue Wohnquartier Heiligkreuzviertel und die Universitätsmedizin am alten Standort an der Langenbeckstraße baldmöglichst ebenfalls per Straßenbahn zu erreichen sein. Die für die „Elektrische“ neu geschaffene Kurzstrecke zwischen Bahnhof West und Münsterplatz dürfte im Sommer freigegeben werden.

Dass der Biontech-Stadt, die in den Corona-Jahren 2021 und 2022 mit exorbitant hohen Gewerbesteuereinnahmen von insgesamt mehr als zwei Milliarden Euro auf sich aufmerksam machte, jetzt wieder Geld fehlt, überrascht schon ein bisschen. Dabei ist die aktuelle Einnahmesituation trotz bundesweiter Wirtschaftsschwäche laut Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos) gar nicht schlecht. Dennoch fällt es Mainz schwer, der Aufsichtsbehörde die geforderten ausgeglichenen Haushalte vorzulegen.
Wie in fast allen Kommunen Deutschlands wird auch in Mainz eher ein „Ausgabenproblem“ beklagt, für das vor allem die von Bund und Ländern gemachten Gesetze und Vorgaben verantwortlich seien. Im Haushalt für 2026, der Mitte Januar von der grün-schwarz-roten Kenia-Koalition im Stadtrat verabschiedet werden soll, klafft eine 160-Millionen-Euro-Lücke. Und für die nächsten Jahre sieht es nicht besser aus.
Dabei ist die junge, anziehende und für ihre vielen Feste bekannte Universitätsstadt, die Rathauschef Haase erklärtermaßen sauber halten und weiter wachsen lassen möchte, zweifelsohne ein „teures Pflaster“. Woran die entstandenen Neubaugebiete, etwa am Zollhafen und auf dem Rodelberg, nichts oder nicht eben viel zu ändern vermochten. Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen sowie City und Einzelhandel attraktiv zu halten, dürfte den zum größten Teil neu zusammengestellten Magistrat künftig vorrangig beschäftigen.

Neben Jana Schmöller, die schon vor einiger Zeit den bisherigen Sozialdezernenten Eckart Lensch (beide SPD) beerbt hat, soll ihr Parteifreund Ata Delbasteh als neuer Schul- und Kulturdezernent im Stadtvorstand Platz nehmen. Aber erst, wenn die Bau- und Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD) im Februar aus dem Amt geschieden ist. Das Bauen wird – zunächst ehrenamtlich – dem Beigeordneten Ludwig Holle (CDU) übertragen. Er könnte aber eine hauptamtliche Stelle bekommen, sobald seine Unionskollegin, Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz, den Magistrat verlassen hat; was voraussichtlich Ende 2026 der Fall sein wird.
Bei den Grünen will im Februar der erfahrene Landtagsabgeordnete Daniel Köbler, der ab 2019 Ortsvorsteher der Oberstadt war, die Arbeit im Stadthaus an der Großen Bleiche aufnehmen. Er soll Nachfolger des in den Ruhestand gehenden Sport- und Finanzdezernenten, seines Parteifreundes Bürgermeister Günter Beck, werden. So gesehen, dürfte das Jahr 2026 in den Lebensläufen mehrerer Mainzer Kommunalpolitiker einen besonderen Platz einnehmen.





