Entmachtung von Maduro : Warum es Trump in Venezuela nicht nur ums Öl geht

Der amerikanischen Regierung geht es um Rohstoffe, aber auch um politischen Einfluss. Ein Fachmann mahnt Europa, sich vorzubereiten – auch auf einen Angriff auf Grönland.
Die erste Reaktion der Anleger war deutlich: Nach dem Überfall der USA auf Venezuela stiegen die Kurse der Aktien amerikanischer Ölgesellschaften deutlich. Besonders stark legten Chevron zu, der einzige große US-Ölkonzern, der in dem lateinamerikanischen Land geblieben ist. Viele US-Raffinerien sind auf die Verarbeitung jenes schweren Öls spezialisiert, das in Venezuela gefördert wird. Sie haben ein Geschäftsmodell daraus gemacht, dass dieses Öl wegen der aufwendigen Weiterverarbeitung zu Benzin, Diesel und Kerosin mit einem Preisabschlag gehandelt wird. Viele Raffinerien sind technisch bis heute nicht auf leichtes „Fracking“-Öl aus heimischer Produktion umgerüstet. So gehören die USA als größter Ölproduzent der Welt zugleich weiter zu den größten Importeuren von Rohöl.
Hans-Jürgen Burchardt, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Kassel, sieht in den Ölreserven „ein Motiv, aber sicherlich nicht das einzige“ für das Vorgehen der amerikanischen Regierung in Venezuela. Das Fracking von Schieferöl sei sehr teuer und aufwendig. „Die USA werden 2030 ihren ,Peak Point‘ beim Öl erreichen, danach wird die Fördermenge sinken.“ Das Land brauche Nachschub. „Die Devise lautet schließlich: Drill, Baby, drill.“ Burchardt weist aber auch auf die politische Dimension des Angriffs hin: „Trump knüpft explizit an die Monroe-Doktrin an. Damals wie heute geht es um eine klare Abgrenzung zu Europa.“
Reaktivierung wird teuer
Fest steht, dass es extrem kostspielig werden dürfte, Venezuelas Ölförderung zu reaktivieren. Das Land verfügt zwar über die größten Reserven der Welt, ist als Produzent infolge von Missmanagement und Sanktionen aber auf Platz 20 unter den führenden Fördernationen zurückgefallen – auf schätzungsweise weniger als eine Million Barrel am Tag.
Brad Setser, Forscher am Council on Foreign Relations in New York, schätzt, dass das Land kurzfristig 15 Milliarden Dollar im Jahr aus dem Ölexport einnehmen könnte, in ein paar Jahren 30 Milliarden Dollar. Aus den Einnahmen müssten allerdings die laufende Produktion und Investitionen in die offenbar marode Ölinfrastruktur bezahlt werden. Trump vertritt die Ansicht, dass die zum Teil von Venezuela enteigneten US-Ölkonzerne entschädigt werden müssten und dass Venezuela die Kosten für die amerikanische Militärpräsenz zu übernehmen habe.
Venezuela und seine staatliche Ölgesellschaft haben jedoch einen großen Schuldenberg angehäuft und Zins- sowie Tilgungszahlungen vor einiger Zeit eingestellt. Das Fazit von Brad Setser lautet: Kurzfristig gibt es keinen Öleinnahmestrom, der groß genug wäre, um zugleich die heutigen Importe zu finanzieren, alte Forderungen zu bedienen und die neuen Investitionen zu tätigen.
Brauchen die USA Öl aus Venezuela?
Bei früheren Interventionen der USA sei das spontane Urteil der Öffentlichkeit oft gewesen, dass es den USA um Öl gehe, obwohl sie beanspruchten, für die Demokratie zu kämpfen. Diesmal sei es umgekehrt, schreibt Luis Garicano, Ökonomieprofessor an der London School of Economics, auf der Plattform X: „Trump sagt, es gehe um Öl – aber darum geht es nicht.“ Selbst wenn die USA sich alles Öl aneignen würden, wäre dies für die USA nur eine marginale Summe: rund 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – in etwa das, was Nvidia in einem Quartal erwirtschafte, sagt Garicano. Dies könne das enorme politische Risiko nicht rechtfertigen.
Dazu passt eine Äußerung des amerikanischen Außenministers Marco Rubio, wonach die USA viel Öl hätten und nicht auf Lieferungen aus Venezuela angewiesen seien. Dass die großen Reserven aber eine strategische Rolle spielen, bestätigte er: „Sie können nicht weiterhin die größten Ölreserven der Welt unter der Kontrolle von Gegnern der Vereinigten Staaten belassen, ohne dass die Bevölkerung dieses Landes davon profitiert“, sagte Rubio am Sonntag dem Sender NBC. Er hat dabei Russland und China im Blick, deren wachsender Einfluss auf Venezuela von der US-Regierung als bedrohlich angesehen wird.
Der aktuelle Ölpreis spielt eine Rolle
Generell hängt die Gesundung des Ölsektors in Venezuela von der Bereitschaft von Unternehmen aus den USA und anderen Ländern ab, in Venezuela Milliardensummen zu investieren. Bei dem aktuell niedrigen Ölpreis von rund 60 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) ist diese Bereitschaft nach Einschätzung von Experten gering. US-Unternehmen „werden davor zurückschrecken, einzusteigen, solange es kein stabiles Sicherheitsumfeld gibt. Und sie werden sehr günstige Konditionen verlangen, um das Risiko zu senken, zumal die Märkte kurzfristig überversorgt sind und die Preise niedrig“, schrieb Eurasia-Group-Analyst Gregory Brew laut Axios.
„Das Vorgehen der Amerikaner in Venezuela sollte allen Europäern ein Weckruf sein“, sagt der deutsche Politikprofessor Hans-Jürgen Burchardt: „Es zeigt: Um ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen, setzen die USA notfalls auch das Militär ein. Sie brechen bewusst Völkerrecht und Strafrecht, wenn es ihnen nutzt. Auch in der Wirtschaftspolitik gibt es keine Garantie auf eine regelbasierte Ordnung mehr.“
„Mercosur-Abkommen ist wichtiger denn je“
Burchardt wirbt dafür, dass die EU ihren Fokus stärker auf andere Länder ausrichtet: „Das Mercosur-Abkommen ist jetzt wichtiger denn je. Europa hat vor allem zwei Einflusszonen: Südamerika und Afrika. Südamerika bietet wirtschaftlich die besten Optionen.“ Vor allem die Zusammenarbeit mit Brasilien müsse dringend ausgebaut werden. Aber auch eine bessere Zusammenarbeit mit Asien sei wichtig: „Wir müssen ein Land wie China wieder mehr als Partner und nicht so sehr als Konkurrent wahrnehmen.“
Dem Forscher geht es in seinem Plädoyer für eine Neujustierung der Wirtschaftspolitik nicht nur um das reine Handelsvolumen, sondern auch um die inhaltliche Ausrichtung. „Europa sollte sich nicht Trumps Fossilismus anschließen, sondern mutig das Gegenmodell vertreten“, meint Burchardt: „Die Dekarbonisierung der Welt ist nicht aufzuhalten. Solarenergie wird perspektivisch deutlich günstiger als Öl sein.“ Burchardt schließt mit einer politischen Mahnung: „Die Drohungen Trumps zu Grönland müssen wir ernst nehmen. Die EU muss sich dem entgegenstellen und sich für den Ernstfall vorbereiten. Sollten die USA Grönland angreifen, führt an Sanktionen kein Weg vorbei.“





