Aufschrei gegen „WeinBotschafterInnen“ – und die Kehrtwende
„Die Region ist nicht so weit“: In der Pfalz scheitert der Versuch, die Kür der Weinkönigin durch ein neues Format unter Einbeziehung von Männern zu ersetzen. Nach heftigem Protest rudert der Vermarkter zurück. Er moniert, dass sich die Region an Traditionen „kettet“.
Die deutsche Monarchie wurde 1918 mit dem Exil von Kaiser Wilhelm II. beerdigt, der Adel als gesellschaftliches Privileg ist seit 1920 passé. Doch nun auch noch ihre Weinkönigin verlieren – das wollten viele Bürger, Winzer und sogar Politiker in der Pfalz dann doch nicht klaglos hinnehmen.
Kurz nachdem der Marketing-Verein PfalzWein Mitte Juli verkündet hatte, künftig keine Krönchen mehr in weinmajestätische Frisuren zu stecken, sondern ein modernes „PfalzWeinBotschafterInnen“-Trio für Riesling & Co. auf Werbetour zu schicken, brach ein Sturm der Entrüstung los. Und zwar ein derart heftiger, dass PfalzWein nun eingeknickt ist und von seinen Modernisierungsplänen abrückte – zumindest teilweise und vorerst.
Wie gehabt wird daher Anfang Oktober in Neustadt an der Weinstraße die Krönungsmesse zur Pfälzer Weinmajestät zelebriert. Zur Wahl stellen sich jene drei Kandidaten, die sich bereits für die Endrunde als PfalzWeinBotschafter qualifiziert hatten. Da unter ihnen ein Mann ist, könnte die Pfalz aber zumindest ein Novum erleben, nämlich ihren ersten Weinkönig.
Nur würde der immer noch nicht so heißen, denn während die Frauen nun weiter Krone tragen und sich Königin oder Prinzessin nennen werden, heißt der männliche Reben-Repräsentant „Weinhoheit“ und bekommt als Insigne eine Anstecknadel – in Gold, wenn er als Nummer eins aus der Wahl hervorgeht, und in Silber, wenn er das Pendant zur Weinprinzessin wird.
Mit diesem Kompromiss ist der Streit über die Transformation des 1931 erfundenen Königinnenamts aber keineswegs beendet. Im Gegenteil: Der Weinvermarkter PfalzWein will nach der harschen Kritik nicht länger im bisherigen Umfang mitspielen und die Wahl der Weinmajestäten ab 2025 nicht mehr allein ausrichten. Überlassen werden soll das Prozedere einer noch zu bildenden Interessengemeinschaft, von der aber noch völlig unklar ist, wer ihr angehört, wie sie agiert und wer sie finanziert.
Vermarkter gesteht „intensive Reaktion“ ein
Über den Widerstand gegen die geplante Marketing-Modernisierung ist PfalzWein, dem rund 130 Winzerbetriebe angehören, offenkundig irritiert. „Einerseits möchte man als moderne Weinregion wahrgenommen werden, kettet sich andererseits aber an Traditionen“, monierte der Vorsitzende Boris Kranz. „Die Region ist teils nicht so weit, das mitzutragen.“ Mit Widerstand hat der Verein zwar laut Geschäftsführer Joseph Greilinger gerechnet, nicht aber mit einem Protest solchen Ausmaßes.
In einer Pressemitteilung, die das vorläufige Aus der Modernisierungspläne verkündet, heißt es: „Nach der Veröffentlichung unserer Ideen zur Weiterentwicklung des Amtes haben wir durch die intensive Reaktion festgestellt, dass hier in der Region viele Menschen und Vereinigungen das Amt der Weinkönigin auch als ihr Amt empfinden.“ Das klingt ein wenig wie die Klage über „60 Millionen Bundestrainer“ nach Spielen der Fußball-Nationalmannschaft.
Doch der Marketing-Verein bleibt überzeugt: In Zeiten von Gleichstellung, sinkendem Weinabsatz sowie Diskussionen über Pestizideinsatz oder das Gesundheitsrisiko von Alkohol müsse sich das Produkt Wein jünger, frischer und vor allem kompetent präsentieren.
Geschäftsführer Greilinger hatte im Juli nach Vorstellung des neuen Konzepts ein ums andere Mal betont, für die Vermarktung außerhalb der Pfalz seien der Titel „Weinkönigin“ samt Krönchen auf dem Haupt einfach nicht mehr zeitgemäß. Die hochkompetenten Königinnen bekämen zu oft das Vorurteil zu spüren, nur zum Lächeln und Winken da zu sein. Diese Missverständnisse sollte der Titel WeinBotschafter aus der Welt schaffen.
Die neue Idee zur Weinvermarktung jedoch konnte sich nicht durchsetzen. Binnen kurzem sammelte eine Online-Petition mit dem Titel „Bewahren Sie das Amt und den Titel der Pfälzischen Weinkönigin“ Tausende Unterschriften ein, in sozialen Medien machten viele Bürger ihrer Empörung Luft. Institutionen wie das Deutsche Wein-Institut oder der Verein der Kultur- und Weinbotschafter Pfalz beklagten, in die Entscheidung nicht eingebunden worden zu sein.
Landräte drohten damit, den Vorstand von PfalzWein zu verlassen, ehemalige Weinköniginnen meldeten sich empört zu Wort, unter ihnen die CDU-Europaabgeordnete Christine Schneider. „Warum die Krone wichtig ist: erkennbar auf jeder Veranstaltung“, schrieb sie auf Facebook. Die 52-jährige gelernte Tischlerin und ehemalige Pfälzer Weinkönigin führte ins Feld, die Krone stehe außerdem „für Wissen und Leidenschaft für unsere Heimat und unser Kulturgut Wein“. Ihr Appell: „Lasst uns nicht vor Kritikern kapitulieren und unsere Tradition bewahren.“
Besonders harsch fiel die Kritik des Neustadter Oberbürgermeisters Marc Weigel aus. Der FWG-Politiker, der um die Ausrichtung der jährlichen Wahl zur Deutschen Weinkönigin bangte, empörte sich auch über die Öffnung des Amts für einen Mann. Er sei wahrlich kein Anhänger der Monarchie, so Weigel, „aber das Glamouröse und Märchenhafte gehört zur Figur. Das lässt sich nicht so einfach auf einen Mann übertragen, nur weil man sagt, wir leben in einer gleichberechtigten Gesellschaft und alles muss allen Geschlechtern offenstehen.“ Insgesamt, so sein Urteil, sei der Weinbotschafter-Plan ein „historischer Fehler“.
Das sehen andere anders, unter ihnen die CDU-Bundestagsabgeordnete Julia Klöckner. „Willkommen im Jahr 2024!“, sagte die ehemalige Bundeslandwirtschaftsministerin der „Rheinpfalz“: „Wir reden in der Gesellschaft über mehr Gleichberechtigung – warum sollte das Ganze bei dem Amt der Weinkönigin haltmachen?“ Klöckner war selbst in den 90er-Jahren Deutsche Weinkönigin. Und schon damals habe es ihr mitunter Unbehagen verursacht, eine Krone auf dem Kopf zu haben.